Dass Dürren die Pflanzen vertrocknen lassen oder Überschwemmungen nach sintflutartigen Regenfällen die übrige Ernte von den Feldern spülen, gehört zu den Plagen, mit denen die Menschen in den armen Ländern seit jeher zu kämpfen haben. Dass derartige extreme Ereignisse im Takt mit dem fortschreitenden Klimawandel in Zukunft häufiger, heftiger und länger auftreten könnten, ist ebenfalls ziemlich unstrittig.

Deswegen waren wir auch erstaunt festzustellen, dass es zwar relativ viel Material (zum Beispiel hier und hier) über die Auswirkungen allmählicher Effekte des Klimawandels auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion gibt, also steigende Durchschnittstemperaturen oder abnehmende Niederschlagsmengen im Jahreslauf. Untersuchungen über die möglichen Folgen extremer Einzelereignisse (etwa die aktuelle schwere Dürre in den USA), gibt es hingegen kaum, wie Wissenschaftler in letzter Zeit häufiger bemängeln.

Also haben wir das untersuchen lassen und dazu Wissenschaftler der University of Sussex gebeten, mithilfe von Computersimulationen einmal auszurechnen, wie sich denkbare (und wegen des Klimawandels wahrscheinlicher werdende) extreme Einzelereignisse auf die Getreidepreise auf den Weltmärkten auswirken könnten. Dabei wurden exemplarisch Dürren bzw. Überschwemmungen im Jahr 2030 in neun ausgewählten Regionen simuliert wie sie in vergleichbarem Ausmaß in den jeweiligen Regionen in der Vergangenheit bereits vorgekommen waren.

Es überrascht nicht, dass die Ergebnisse dieser Studie ernüchternd sind. Zunächst einmal bestätigt sich, was wir schon wissen: die Preise für die wichtigsten Getreidesorten auf den Weltmärkten dürften bis 2030 ohnehin stetig ansteigen – wegen einer ganzen Reihe von Faktoren, darunter die problematische Nahrungsmittelspekulation an den Agrarbörsen, die Biosprit-Politik der Industrieländer, wachsender bzw. anhaltend hoher Konsum von Fleisch- und Milchprodukten, und übrigens auch wegen der schon erwähnten allmählichen Veränderungen infolge des Klimawandels. Schon dieser langfristige Trend könnte für einige Getreidesorten eine Verdoppelung der Preise in den nächsten zwanzig Jahren bedeuten (so das Ergebnis einer ähnlichen Studie aus dem letzten Jahr).

Klimatische Wetterextreme führen zu plötzlichen Preisschocks

Was neu ist: Plötzlich auftretende, extreme Ereignisse in einer für die weltweiten Getreideexporte wichtige Anbauregion können leicht zu relativ kurzfristig auftretenden, erheblichen Preissprüngen führen. Eine der Computersimulationen hat beispielsweise ergeben, dass eine schwere Dürre im Jahr 2030 in den USA die Ernten derart beeinträchtigen könnte, dass die Preise für Mais 2030 sprunghaft um 140 Prozent ansteigen könnten – und dies zusätzlich zum ohnehin erwarteten Preisanstieg, wie die folgende Grafik illustriert:

Abb. 1: Weltmarktpreise 2030 für Mais und Weizen, Simulation für Szenarien mit und ohne schwere Dürre im Jahr 2030 in Nordamerika

 

Aber nicht nur die Weltmarktpreise können durch solche Ereignisse in die Höhe schießen. Zwei weitere Szenarien der Studie modellieren die örtlichen Verbraucherpreise von Mais in Westafrika bzw. im südlichen Afrika – Mais ist dort ein wichtiges Nahrungsmittel, wird aber großenteils auch vor Ort angebaut; das macht die Preise weniger abhängig von den Weltmärkten, aber empfindlich gegenüber örtlichen Ereignissen. Demnach könnte eine schwere Dürre (wie jene des Jahres 1992) in Westafrika im Jahr 2030 die örtlichen Preise von Mais kurzfristig um 50 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Dürre ansteigen lassen. Das 2030-Szenario für das südliche Afrika simuliert großflächige, dem Katastrophen-Jahr 1995 vergleichbare Überschwemmungen – und errechnet Preissprünge für Mais um 120 Prozent.

Abb. 2: Örtliche Verbraucherpreise für Mais, Computersimulation mit Dürre in Westafrika bzw. Überschwemmungen im südlichen Afrika

 

Die große Gefahr dieser Preissprüngen ist, dass sie trotz ihrer temporären Natur die Menschen tiefer in die Armut drängen und sie für künftige extreme Ereignisse noch verletzlicher machen können. Viele von Ihnen geben bereits drei Viertel ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus (unvorstellbar für uns - in Deutschland sind es elf Prozent, Tendenz fallend). Man braucht kein Mathematik-Diplom, um ausrechnen zu können, dass auch nur ein mäßiger Anstieg der Preise etwa für Getreide die Menschen vor unüberwindliche Probleme stellen würde; anders als wir können diese Menschen nicht einfach an anderer Stelle sparen (z.B. weniger ins Kino gehen, eine Modesaison auslassen oder mit dem Rauchen aufhören), weil auch das vierte Viertel ihres Einkommens kaum Spielraum lässt sondern für die medizinische Versorgung, Schulgeld der Kinder und ähnliche Ausgabeposten herhalten muss. Selbst kurzzeitige Preissprünge (z.B. bis zur nächsten Ernte), können die Menschen dazu zwingen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen oder an anderen kritischen Stellen zu sparen. Oder sie müssen Besitz und Vieh (wenn sie welches haben) verkaufen, um ihre Familien zu ernähren, verlieren damit aber wichtige Einkommensquellen aufzugeben. Erholen sich die Preise wieder, sind sie trotzdem schlechter dran als vorher. Die nächste Dürre trifft sie dann umso härter.

Weiterlesen? Der Oxfam-Report zu der Studie findet sich hier; die detaillierten Ergebnisse der Computersimulation sind hier zu haben.

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