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Gelebte Realität: Agrarökologie in der Sahelzone

| Autor*in: Annika Brümmer
Interview mitm Ibrahim Hamadou, Koordinator im Regionalprogramm zu Agrarökologie in Westafrika

Seit Mai 2024 koordiniert Ibrahim Hamadou Oxfams Programm zur agrarökologischen Transformation in Westafrika. Darin haben sich zahlreiche lokale und überregionale Partnerorganisationen mit uns zusammengeschlossen, um die Landwirtschaft umzugestalten, Agrarökologie in der Politik zu verankern und nachhaltige Ernährungssysteme zu schaffen.

Worum geht es im Regionalprogramm zu Agrarökologie in Westafrika?

Ziel des Programms, das von zivilgesellschaftlichen Organisationen aus der Region entwickelt wurde, ist, dass die westafrikanischen Länder Ernährungs- und Nahrungsmittelsouveränität durch eine bäuerliche und klimaresiliente Agroökologie erreichen, die menschenwürdige Arbeitsplätze schafft und inklusives Wirtschaftswachstum fördert.

Denn nur so können wir im Sahel, einer Region, die schon jetzt sehr stark von der Klimakrise betroffen ist, langfristig eigenständige Lösungen entwickeln, um unsere Bevölkerung mit ausreichenden und gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen.

Wir arbeiten in drei Bereichen: soziale Bewegungen stärken, politische Rahmenbedingungen beeinflussen und lokale Ernährungssysteme widerstandsfähiger machen.

Unser Ansatz ist bewusst sozial: Wir wollen Machtverhältnisse verändern, Ungleichheiten abbauen und eine Landwirtschaft fördern, die alle Menschen ernährt – besonders in einem Kontext politischer Instabilität und knapper Ressourcen.

Was ist Agrarökologie?

Agrarökologie ist mehr als ökologische Landwirtschaft – sie verändert ganze Systeme.

Natürlich geht es auch um fruchtbare Böden, klimaresiliente Anbaumethoden und weniger Abhängigkeit von teuren Importen. Aber der eigentliche Kern liegt tiefer.

Agrarökologie stärkt die Ernährungssouveränität, weil Gemeinschaften die Kontrolle über Wissen, Saatgut und ihre Ernährung zurückgewinnen. Sie ist auch eine politische Entscheidung, die Staaten unabhängiger von internationalen Krisen sowie globalen Märkten und Preisschwankungen macht.

Außerdem ist sie zutiefst sozial und inklusiv – Frauen, Jugendliche und marginalisierte Gruppen erhalten mehr Teilhabe und Einfluss. Frauen wählen das Saatgut aus, bewahren die Biodiversität und sorgen für die Verarbeitung der Erzeugnisse, haben aber oft weniger Zugang zu Land, Krediten und Entscheidungen. Das Programm fördert deshalb ihre Einbindung in Entscheidungsgremien und ihre wirtschaftlichen Chancen.

Jugendliche wiederum finden in der Agrarökologie eine Zukunftsperspektive, die Selbstständigkeit und Resilienz stärkt und ihnen ermöglicht, aktiv an der Gestaltung lokaler Ernährungssysteme mitzuwirken.

Warum ist Agrarökologie der beste Lösungsansatz für die Sahel-Region?

Agrarökologie gibt den Menschen die Kontrolle über ihre Ernährung zurück. Sie macht Gemeinschaften und ganze Staaten handlungsfähig. Sie macht die Nahrungsproduktion unabhängig, lokal verankert und gleichzeitig ertragreich.

„Das ist wiedergewonnene Freiheit“, sagen die Bäuer*innen: Mit lokalem Saatgut und nachhaltigen Methoden können sie sich von teuren Importen lösen und ihre Böden regenerieren. Für Frauen bedeutet Agrarökologie eine Anerkennung ihres Wissens über Saatgut und Verarbeitung, für ganze Gemeinschaften schafft sie Souveränität und Resilienz gegenüber globalen Krisen.

In der Sahel Region – geprägt von Klimakrise, Unsicherheit und wirtschaftlichen Abhängigkeiten – bietet Agrarökologie enorme Chancen: widerstandsfähige Böden, lokale Wertschöpfung, soziale Teilhabe und politische Stabilität. Sie ist nicht nur eine landwirtschaftliche Methode, sie ist ein gesellschaftlicher Transformationsansatz.

Ich träume von einem Westafrika,...

... in dem der Boden Nahrung liefert, ohne sich zu erschöpfen, in dem die Politik die Agrarökologie aus voller Überzeugung fördert und in dem die Institutionen solide, inklusiv und nachhaltig sind. Frauen, junge Menschen und lokale Gemeinschaften sind an allen Entscheidungen beteiligt und stärken so soziale Bewegungen, die sich für Ernährungssouveränität und soziale Gerechtigkeit einsetzen.

Ibrahim Hamadou, Koordinator im Regionalprogramm zu Agrarökologie in Westafrika

Welche Erfolge konnte das Projekt bisher erzielen?

Mittlerweile sehen wir deutlich, dass Agrarökologie in der Sahelzone kein theoretisches Konzept mehr ist, sondern gelebte Realität. Tausende Familien profitieren bereits davon: Bäuer*innen nutzen lokales Saatgut, biologische Dünger und ökologische Pflanzenschutzmittel.

Frauen nehmen an kommunalen Versammlungen teil und gewinnen Sichtbarkeit und wirtschaftliche Selbstständigkeit – etwa in Mali, wo sie eigene biologische Pflanzenschutzmittel herstellen und vermarkten. Jugendliche sehen in der Agrarökologie eine glaubwürdige Alternative zur Landflucht, gründen Kleinstunternehmen und stärken ihre Gemeinschaften.

Auch politisch bewegt sich viel: Kommunen integrieren Agrarökologie in Entwicklungspläne, Ministerien fördern ökologische Betriebsmittel stärker und Länder wie Niger validieren nationale Agrarökologie-Strategien. In Burkina Faso wurden große Flächen Ackerland wiederhergestellt – ein direkter Beitrag zu Ernährungssicherheit und Klimastabilität.

Kurz gesagt: Agrarökologie verändert den Alltag der Menschen – wirtschaftlich, sozial und politisch. Sie schafft Einkommen, stärkt lokale Strukturen und macht ganze Regionen widerstandsfähiger.

Was kommt als Nächstes?

Es geht nun darum, alle westafrikanischen Länder dabei zu unterstützen, agrarökologische Politiken zu entwickeln und umzusetzen.

Unser langfristiges Ziel ist klar: dauerhafte, belastbare Institutionen, die Agrarökologie nicht nur fördern, sondern strukturell verankern. Dafür stärken wir soziale Bewegungen, denn echte Transformation entsteht nicht durch Strategiepapiere, sondern durch engagierte Bürger*innen, die diesen Wandel voranbringen.

Zudem beziehen wir Bereiche ein, die in Agrardebatten oft übersehen werden: Tierhaltung, Fischerei sowie Wald- und Weidesysteme. Diese Sektoren sind entscheidend für Ernährungssicherheit, Klimaresilienz und soziale Gerechtigkeit in der Sahel-Region.

Langfristig verfolgen wir ein übergeordnetes Ziel: Agrarökologie als umfassenden gesellschaftlichen Wandel zu verankern, bei dem Politik, Institutionen und soziale Bewegungen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Zukunft für Westafrika zu gestalten.