Wir haben nachgerechnet: In den fünf Jahren, seit zum letzten Mal die Staats- und Regierungschefs zu einem Gipfel gegen den Klimawandel zusammenkamen, haben weltweit Dürren, Stürme, Überschwemmungen und andere Unwetterkatastrophen fast eine halbe Billion US-Dollar an Schäden angerichtet; zig Millionen Menschen mussten Fluten weichen, fanden ihre Ernten vertrocknet, konnten die steigenden Preise für Lebensmittel nicht mehr bezahlen, verloren ihre Lebensgrundlagen. Über 650 Millionen Menschen waren in diesen letzten fünf Jahren von klimatischen Naturereignissen betroffen.

Damals, vor fünf Jahren, waren die Staats- und Regierungschefs auf dem Kopenhagener Klimagipfel bei dem Versuch gescheitert, ein globales Abkommen gegen den Klimawandel zu schmieden. Mehr als eine zaghafte Rettung des Kyoto-Protokolls mit Reduktionszielen für die meisten Industrieländer bis 2020 und ansonsten eher informelle Klimaschutzziele und -anstrengungen der übrigen Industrieländer und der Schwellenländer war damals nicht drin – zusammengenommen so wenig Klimaschutz, dass wegen des steigenden Ausstoßes der klimaschädlichen Treibhausgase die Durchschnittstemperatur um 4°C steigen könnte – dabei gelten maximal 2°C als gerade noch beherrschbar. Immerhin wird inzwischen wieder verhandelt. Ende 2015 soll in Paris ein umfassendes Abkommen für die Zeit nach 2020 verabschiedet werden, mit Verpflichtungen für alle Länder.

Der Gipfel ist dringend nötig

Jetzt, knapp ein Jahr vorher, trifft sich die globale Führungsetage wieder – am Dienstag zum Klimagipfel in New York, auf Einladung des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon. Der Gipfel allein wird den Planeten nicht retten, auch wenn wir sicherlich einige beeindruckende Reden hören werden – aber er könnte, er muss, ein eindeutiges Signal in die Welt senden, dass die Trendwende beim globalen Klimaschutz kommt. Das ist auch dringend nötig, Ende 2013 hatten Länder wie Japan oder Australien ihre Klimaschutzziele sogar noch abgeschwächt; Deutschland wird sein Ziel, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu senken, nicht einhalten (ein Aktionsprogramm soll dem Abhilfe schaffen; wir werden sehen), und die Europäische Union insgesamt lässt bereits durchblicken, dass im künftigen Klimaschutzabkommen die für sie geltenden Ziele so schwach sein sollen, dass die Zwei-Grad-Schwelle nicht zu halten sein wird.

New York wird daran erstmal nichts ändern; kein Land wird am Dienstag neue oder verbesserte Klimaschutzziele verkünden. Die Verlockung wird groß sein, sich mit großen Reden aus der Affäre zu stehlen. Der Gipfel könnte sogar Gefahr laufen, eher von der Verantwortung der Regierungen abzulenken. Der Gipfel dient nämlich auch als Bühne für die Privatwirtschaft, die dort ihre Initiativen zum Klimaschutz verkünden soll – eine prächtige Gelegenheit, sich ein grünes Mäntelchen zu verpassen. 

Kein neuer Klimachutz, aber positive Signale?

Die Rolle des Klimagipfels ist vielleicht ohnrehin eher, neuen Schwung in die internationale Klimapolitik bringen und die laufenden Verhandlungen um das neue Abkommen beflügeln, indem die Staats- und Regierungschefs gemeinsam und sich gegenseitig ihre Entschlossenheit bekunden, dem Klimawandel wirksam entgegenzutreten. Eigentlich sind die Bedingungen günstig. Der UN-Wissenschaftsrat hat erst kürzlich in seinem fünften Sachstandsbericht zum Klimawandel nicht nur die Gewissheit bestärkt, dass der Klimawandel stattfindet, menschengemacht ist, die Ernten zerstört, vielerorts die Versorgung mit Wasser beeinträchtigen wird, flache Küsten und ganze Inselstaaten überfluten könnte und langfristig ganze Gesellschaften bedroht. Er hat auch gezeigt, dass die Kosten des globalen Klimaschutzes überschaubar sind – und insbesondere weitaus leichter zu bewältigen sein werden, als die Schäden eines ungebremsten Klimawandels. Es tut sich auch einiges: Die Kosten der erneuerbaren Energien sinken und sinken; alle großen Volkswirtschaften sind bereits mehr oder weniger im (oft allerdings nur sehr zaghaften) Klimaschutz engagiert. China probiert erstmals ein eigenes Emissionshandelssystem aus; die USA senken die Emissionen ihrer Kohlekraftwerke; über 100 Länder haben Fördersysteme für die erneuerbaren Energien (für die oft beim erfolgreichen deutschen Einspeisegesetz abgeschrieben wurde). Gerade haben knapp 350 Großinvestoren die Regierungen dazu aufgerufen, die klimaschädlichen Subventionen für fossile Energien zu beenden und Treibhausgasemissionen mit einem vernünftigen Preis zu versehen, um weltweit die Transformation der Wirtschaften in Gang zu bringen.

Der Gipfel kann auch einiges dazu tun, in der Vergangenheit beschädigtes Vertrauen der Entwicklungsländer wieder herzustellen, etwa hinsichtlich der versprochenen Unterstützung der armen Länder im Kampf gegen den Klimawandel. Zwar haben die Industrieländer versprochen, ihre Klima-Hilfen bis 2020 ansteigen zu lassen, bisher findet dieser Aufwuchs allerdings nicht statt, in einigen Ländern (z.B. Australien oder Kanada, im Jahr 2014 auch in Deutschland) sinken die Hilfen sogar. Für den New Yorker Klimagipfel werden nun Zusagen der reichen Länder für den Green Climate Fund erwartet – der Fonds soll in weit größerem Umfang als bisher Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel in den armen Ländern unterstützen. Die Entwicklungsländer erwarten Zusagen von zusammen mindestens 15 Mrd. US-Dollar – ob diese Erwartung erfüllt wird, ist allerdings fraglich. Deutschland, immerhin, ist fein raus - die Bundesregierung hatte bereits im Juli 750 Mio. Euro zugesagt.

Und die Bundeskanzlerin?

Fein raus – das hatte sich wohl auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gedacht und ihre Teilnahme trotz persönlicher Einladung einfach abgesagt. Nun fährt Umweltministerin Barbara Hendricks hin. Statt in New York auf dem Klimagipfel spricht die Bundeskanzlerin nun am Dienstag auf einer Festveranstaltung des Bundes der Deutschen Industrie (BDI). Kann man auch so sagen: Statt in New York den weltweiten Klimaschutz voranbringen lieber mit der Industrielobby feiern – eigentlich ein Skandal, der nur dann zu rechtfertigen wäre, wenn sie die Gelegenheit dazu nutzen würde, die ständigen Attacken des BDI gegen Energiewende und Klimaschutz anzuprangern. Na? Ob sie das tun wird?

1 Kommentar

Erst einmal: weniger Energie verbrauchen. Und das geht nicht in großem Stil mit Niedrigenergiehäusern u. dgl. Wer in New York demonstriert, sollte zum Beispiel darauf verzichten, ein Einfamilienhaus zu bauen.

Kommentieren