Konzerne machen Wasser zum Luxusgut

Von Marita Wiggerthale

„Kein Ort auf der Erde wird von den Folgen der sich bereits anbahnenden Wasserkrise verschont bleiben“, erklärt Maude Barlow in ihrem sehr lesenswerten Buch „Blaue Zukunft“. Eine Wasserknappheit von bisher unvorstellbaren Ausmaßen werde gewaltige Hungersnöte auslösen. Millionen Flüchtlinge werden ihr ausgetrocknetes Land auf der Suche nach Wasser verlassen müssen. Was sich wie Schwarzmalerei anhört, wird im Buch mit vielen Zahlen und Fakten untermauert.
Eindringlich werden die  zugrundeliegenden Probleme beschrieben:

  • die ungezügelte Übernutzung und verbreitete Verseuchung von Grundwasser durch Gifte, Säuren und Fäkalien,
  • die Privatisierung von Wasserdienstleistungen und
  • der Wasserhandel als gefährlicher Trend innerhalb der Kommerzialisierung von Wasser.

Verfechter von Wasser als Marktware erwarten in 25 bis 30 Jahren einen weltweit integrierten Markt für Süßwasser, Spotmärkte für Wasser und einen Markt für Wasser-Futures und andere Derivate. Diese schöne neue Welt der Wasserbarone und Wasserspekulanten macht sauberes (Trink-)Wasser zum Luxusgut und damit unerschwinglich für arme Menschen.

Die drei größten Wasserschlucker

Weniger als 10 Prozent der Wassermenge weltweit wird von Privathaushalten und Betrieben im kommunalen Bereich genutzt. Die drei größten Wasserschlucker sind hingegen die Landwirtschaft, die Energieerzeugung und der Bergbau. 90 Prozent des Wassers wird von der stark wasserabhängigen Rohstoffindustrie genutzt, vor allem von der Agrarindustrie, aber auch dem Bergbau, der Öl- und Gasindustrie, Zellstoff- und Papierfabriken und den großen Stromerzeugern. Allzu leichtfertig erteilen Regierungen den Unternehmen großzügige Wasserentnahmerechte, ohne die Folgen zu bedenken. Kaum einer in den Ministerien stellt sich die Frage, wie viel Wasser beispielsweise durch die Förderung von Biosprit verbraucht wird und welche Auswirkungen ihre Handels-, Energie- oder Agrarpolitik auf lokale Wassersysteme und Gemeinden hat. Mehrere Länder haben immer noch keine offizielle Wasserpolitik. Ein unhaltbarer Zustand. Fest steht: Eine politische Strategie, die im  Kampf gegen Wasserverschwendung 90 Prozent des Problems ignoriert, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Alarmierende Entwicklungen

Der Tschadsee, einst das sechstgrößte Binnengewässer der Welt, ist zu 90 Prozent ausgetrocknet, wodurch die Lebensgrundlagen von 30 Millionen Westafrikanern gefährdet sind. In Zentralasien ist es der Aralsee, einst der viertgrößte Binnensee der Welt. im Irak ist der Urmiasee, der größte See im Nahen Osten, bereits zu 60 Prozent verlandet. In den USA ist der Ogallala-Aquifer, der das Wasser für die Kornkammer Amerikas liefert, im Begriff auszutrocknen. Ein Aquifer ist eine zur Abgabe von signifikanten Wassermengen geeignete Schichtenfolge unter der Erde. In Lateinamerika ist der Guarani-Aquifer – den größten der Welt, der unter Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay liegt –  in Gefahr.  Das Abpumpem aus den Aquiferen am Oberlauf des Ganges in Indien und Pakistan hinterlässt den mit Abstand größten Grundwasserfussabdruck weltweit, gefolgt von den Aquiferen in Saudi-Arabien, im Iran, im Westen Mexikos, den amerikanischen High Plain und der nordchinesischen Ebene. In mehr als 100 Ländern dehnen sich die Wüsten aus. Wasserkonflikte in den sieben wichtigen Flussregionen – Indus, Jordan, Mekong, Nil, Euphrat und Tigris, Amudarja und Brahmaputra – könnten sich zuspitzen und eskalieren. Nach Angaben des kanadischen Verteidigungsministeriums droht an die 60 Ländern bis 2050 Wasserknappheit beziehungsweise eine Wasserkrise.

Privatisierung von Wasserdienstleistungen

Die meisten Wasserbetriebe in der Welt arbeiten bis heute nicht gewinnorientiert, sondern als öffentliche Dienstleister. Doch die Privatisierung des Wassersektors wird von der Weltbank, den Vereinten Nationen, Regierungen und Konzernen stark vorangetrieben. Auflagen von IWF und Weltbank, öffentliche-private Partnerschaften sowie Freihandels- und Investitionsabkommen ebnen den Weg für Konzerne wie Veolia, Suez, Nestlé, Coca-Cola und Pepsico. Über die Plattform CEO Water Mandate und die Water Resources Group treiben die Konzerne „marktorientierte Lösungen“ für die Wasserbewirtschaftung voran. Die Kommerzialisierung von Wasserdienstleistungen hat verheerende Folgen für alle, die Wasser brauchen, aber zu wenig Geld haben. Vielzählige Beispiele zeigen, dass private Unternehmen höhere Gebühren für Wasser und Abwasserbeseitigung kassieren als kommunale Betreiber. Umso erfreulicher ist der Trend zu Privatisierungsrücknahmen in vielen Ländern: Frankreich, Bolivien, Argentinien, Uruguay, Mali, Tansania, Indonesien, Malaysia, Ukraine, Georgien und Usbekistan. Wichtig ist allerdings ein Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle, ein transparentes Management, eine effiziente Wasserversorgung und die dauerhafte Verbesserung der Infrastruktur.  

Recht auf Wasser schützen und Wasserkreisläufe regenerieren

In ihrem Buch klagt Maude Barlow nicht nur Missstände an, sondern zeigt auch Lösungswege auf. Die Vielzahl der notwendigen Maßnahmen macht jedoch deutlich wie groß die Herausforderung ist. Sie fordert eine neue Wasserethik, die den Schutz und die Wiedergesundung des Wassers ins Zentrum der Gesetzgebung und Politik stellt. Bestrebungen zum dauerhaften Schutz des Wassers sind untrennbar mit dem Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte verbunden. Das Recht auf sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung ist ein Menschenrecht, das im Juli 2010 in einer UN-Resolution anerkannt, vom UN-Menschenrechtsrat im September 2010 bestätigt und im Rio-Abschlussdokument „The Future We Want“ aufgenommen wurde.

Die weltweite Wasserkrise lässt sich nur meistern, wenn

  • das Credo des Wachstums um jeden Preis überwunden,
  • der Handel völlig neuen Leitlinien unterworfen wird,
  • Unternehmen keine Klagerechte mehr haben,
  • die öffentliche Wasserversorgung sichergestellt wird,
  • die Großindustrie angemessene Wasserpreise zahlt,
  • Landraub beendet,
  • Finanzmärkte reguliert und Bürgerdemokratie gestärkt werden. 

Eine artenreiche, ökologische Landwirtschaft reduziert den Wasserbedarf, verschmutzt nicht lokale Wasserressourcen, erhöht die Wasserspeicherfähigkeit von Böden und reduziert damit den Bewässerungsbedarf. Wassereinzugs­gebiete müssen besser geschützt und Aquifere dürfen nicht verschmutzt und müssen wieder aufgefüllt werden. Die Bewahrung, der Schutz und die Regeneration des Wasserkreislaufs sind notwendig, um das Menschenrecht auf Wasser und auf Nahrung zu verwirklichen und Ökosysteme zu erhalten. Der UN-Welternährungsausschuss (CFS) in Rom kann hier im Bereich Wasser und Ernährungssicherung im Oktober wichtige Weichen stellen.

Einige Zahlen und Fakten 

  • Das ärmste Land im Jahr 2011 war ärmer als das ärmste Land im Jahr 1980.
  • Mehr als 1/5 des Wassers der Welt wird für landwirtschaftliche Produkte aufgewandt, die für den Export bestimmt sind.
  • Eine Studie von Arjen Hoekstra et al. aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Schluss, dass die Landwirtschaft mittlerweile beinahe 92 Prozent des jährlich verwendeten Süßwassers verbraucht (während die Vereinten Nationen, die Weltbank u.a. immer noch von 70 Prozent ausgehen).
  • Bis 2035 werden allein Biokraftstoffe 72 Prozent des für die primäre Energieproduktion benötigten Wassers verbrauchen. Unter den Automobiltreibstoffen ist Biosprit mit Abstand der größte Wasserverschwender.
  • Nur 21 der größten Wasserläufe (12 Prozent) fließen noch ungehindert von der Quelle bis zum Meer. Bis Ende des 20. Jahrhunderts wurden mehr als die Hälfte der großen Flüsse der Erde durch etwa 50.000 große Staudämme gezähmt. Zweidrittel der derzeit entstehenden Großdämme verteilen sich auf die Türkei, den Iran, China und Japan.
  • Die Wassermenge, die alljährlich aus dem vom Assuan-Staudamm aufgestauten Nassersee in Ägypten aufsteigt, entspricht der Gesamtmenge des privaten und kommerziellen Verbrauchs in ganz Afrika.
  • Zwischen 1980 und 2005 gab es in Subsahara-Afrika 21 Bürgerkriege – in 16 Fällen spielte Wasser eine Rolle, in fünf ging es ausschließlich um Wasser.
  • Wasserkonflikte zwischen zwei oder mehr Ländern führten in den letzten 50 Jahren weltweit häufiger zu Kooperation (in 1228 untersuchten Fällen) als zu gewaltsamen Auseinandersetzungen (in 507 untersuchten Fällen).

Anmerkung: Dieser Blog beruht auf dem Buch "Der Blaue Planet" von Maude Barlow

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