Weltflüchtlingstag: Geflüchtete in Griechenland über den unerträglichen Schwebezustand zwischen Aufnahme und Ablehnung

Von Marion Lieser
Kinder zwischen Zelten in einem Flüchtlingscamp im Griechenland

Millionen Menschen weltweit sind vor Kriegen, Naturkatastrophen und den Folgen des Klimawandels auf der Flucht oder suchen einfach eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder. In Deutschland und Europa ist eine hitzige Debatte über die Aufnahme von Migrant/innen und Flüchtlingen entbrannt. Eine Stimme fehlt dabei jedoch zumeist: die der Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Heute ist der Weltflüchtlingstag – hören wir einfach zu, was diese Menschen uns und ganz Europa zu sagen haben.

In Griechenland sind derzeit mehr als 50.000 schutzsuchende Menschen unter haftähnlichen Bedingungen in Einrichtungen, brachliegenden Gebäuden und improvisierten Camps untergebracht. Oxfam unterstützt mehrere Tausend von ihnen mit Trinkwasser und Hygieneeinrichtungen sowie anderen grundlegenden Dienstleistungen. Gemeinsam mit der Hilfsorganisation Action Aid haben wir über 250 Geflüchtete über ihre Motive für und ihre Erlebnisse auf der Flucht sowie über ihre aktuellen Probleme und Hoffnungen befragt. Die Ergebnisse sind in dem gemeinsamen Bericht „Left in Limbo“ dokumentiert.

Seitdem der Weg nach Mitteleuropa weitgehend versperrt und das berüchtigte Camp in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien aufgelöst wurde, drohen besonders die in Griechenland gestrandeten Menschen in Vergessenheit zu geraten. Niemand weiß, ob sie dort bleiben oder anderswohin weiterreisen können, oder ob sie demnächst abgeschoben werden.

Die überwiegend aus Syrien und aus Afghanistan stammenden Männer und Frauen, mit denen wir in der nordwestgriechischen Region Epirus, in Athen und in Lesbos gesprochen haben, berichten von unzureichender Unterbringung, Gewalt, schlechtem Essen und mangelnder ärztlicher Versorgung. Manche berichteten sogar von Todesfällen aufgrund der schlechten medizinischen Situation. Besonders belastend ist für viele Menschen, dass es so gut wie keine Informationen darüber gibt, welche Rechte sie haben und wie es mit ihnen weitergeht.

Naime aus Afghanistan, 38 Jahre, Camp Schisto in Athen: „Mein Ehemann starb vor zwei Tagen. Er hatte Diabetes. Er musste Insulin nehmen, konnte aber keines bekommen. Seine Nieren versagten. Die Behörden wiesen ihn ins Krankenhaus ein, aber es war zu spät. Ich musste 2000 Euro finden, um seinen Leichnam nach Kabul zu überführen. Ich lieh mir Geld von allen möglichen Leuten und jetzt muss ich sehen, wie ich es wieder zurückzahlen kann.“

Überall wurde uns von Unsicherheit und Gewalt berichtet. Viele Befragte machten die lange Zeit, die die Menschen in schlechten Unterkünften und in quälender Unsicherheit über ihre Zukunft verbringen müssen, für die Spannungen verantwortlich. Besonders Frauen fürchten um ihre Sicherheit, und selbst der Gang zu den Waschräumen ist für sie gefährlich.

Ein 18-jähriger Iraner, der in der Region Epirus untergebracht ist, sagte uns: „Wir fühlen uns hier nicht sicher. Unsere Dokumente sind abgelaufen. Die Polizei verbot uns, ins Dorf zu gehen und drohte uns zu verhaften, wenn wir das Camp verlassen. Jedes Mal, wenn ich trotzdem ins Dorf gehe und dort einen Polizeiwagen sehe, fühle ich mich wieder in den Iran zurückversetzt.“

Tagrit aus Syrien, 30 Jahre, ist in einer Internierungseinrichtung für Flüchtlinge in Moria auf der Insel Lesbos untergebracht: „Wir haben Angst, alleine zu den Duschen und Toiletten zu gehen. Wir gehen immer gemeinsam in Sechsergruppen. Wenn eine von uns dorthin gehen will, muss sie immer alle anderen fünf mitnehmen.“

Die unzureichende Information über ihre Rechte und weiteren Perspektiven zerren an den Nerven der Geflüchteten. Viele Familien wurden auf der gefahrvollen Reise nach Europa auseinander gerissen. Die meisten der von uns interviewten Menschen haben Angehörige an anderen Orten in Griechenland oder in verschiedenen europäischen Ländern. Von offizieller Seite gibt es jedoch kaum Informationen über Möglichkeiten der Familienzusammenführung. Viele erzählten auch, dass es praktisch unmöglich sei, gültige Dokumente zu erhalten oder sogar, überhaupt einen Asylantrag zu stellen. Dieses, ebenso wie viele andere der uns berichteten Erschwernisse, verstößt gegen geltendes EU-Recht.

Rweda aus Syrien, 37 Jahre, lebt im Camp Tespelovo in der Region Epirus. Sie berichtet: „Ich habe zwei Kinder in Deutschland, vier weitere meiner Kinder und zwei meiner Verwandten sind jetzt bei mir. Ich weiß nicht, wo mein Ehemann ist, ob in Syrien oder anderswo und ob er überhaupt noch lebt.“

Melik aus Syrien, 26 Jahre, ist in einem Camp in der Region Epirus untergekommen: „Ich bin noch vor dem Inkrafttreten des EU-Türkei-Abkommens [am 20. März] in Chios angekommen. Ich hatte mich dort für ein Umsiedlungsprogramm angemeldet, aber seither erhielt ich keinerlei Informationen. Nach dem Abkommen wurde uns gesagt, dass wir die Insel verlassen und nach Athen gehen müssten. Unsere Termine für das Umsiedlungsprogramm waren folglich hinfällig und jetzt müssen wir noch einmal von vorne anfangen.“

Ein anderer syrischer Mann sagte uns in einem Camp in Epirus: „Griechenland hat nicht genügend Kapazität, es kann uns nicht allen helfen. Wenn ich hier Asyl beantragen könnte, würde ich es tun, aber es geht nicht. Bei der Polizei sagen sie, ich solle es per Skype versuchen. Ich habe das mehrfach versucht, aber es ist unmöglich, irgendjemand per Skype zu erreichen und einen Termin für einen Asylantrag zu bekommen.“

Auch andere Geflüchtete, mit denen wir gesprochen haben, äußern Verständnis, dass ein kleines Land wie Griechenland mit der Situation nicht alleine fertig wird. Doch dass ganz Europa dazu nicht in der Lage oder willens ist, ist nicht akzeptabel. Der heutige Weltflüchtlingstag sollte ein Weckruf für die Regierungen in ganz Europa sein, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden und den hierher geflüchteten Menschen ausreichend Schutz und Zugang zu einem fairen Asylverfahren zu gewähren.

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