Ungleichheit Made in Europe
Die 100 umsatzstärksten europäischen Unternehmen verschärfen die Ungleichheitskrise – sozial, politisch, wirtschaftlich und ökologisch. Das zeigt der neue Oxfam-Bericht „People, Power, Profits, Planet: How the Biggest European Companies Fuel the Global Inequality Crisis“.
Anhand verschiedener Indikatoren und mit Daten aus den Jahren 2022 bis 2024 untersucht der Bericht erstmals, wie Konzerne in Europa mit ihrer Geschäftspolitik verschiedene Aspekte von Ungleichheit verstärken. Auch 27 deutsche Unternehmen sind Teil der Auswertung.
Unsere interaktive Aufbereitung der Daten des Berichts lässt sich nach Konzern, Branche und Land filtern.
Die Ungleichheit wächst rasant
In den letzten Jahren ist die soziale Ungleichheit weltweit immer weiter angestiegen. Insgesamt besitzt die ärmere Hälfte der Menschheit nur 0,52 Prozent des weltweiten Vermögens, während auf das reichste Prozent 43,8 Prozent entfallen.
Auch hierzulande geht die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander: Deutschland steht an vierter Stelle der Länder mit den meisten Milliardär*innen weltweit, während gleichzeitig etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung in Armut lebt.
Egal ob milliardenschwere Dividenden für Aktionär*innen, maßlose CEO-Vergütungen oder vernachlässigte Investitionen in den ökologischen Wandel: Europäische und deutsche Konzerne tragen zur sozialen und ökologischen Krise bei.
Die vier Dimensionen unternehmensbedingter Ungleichheit
Der Bericht „People, Power, Profits, Planet: How the Biggest European Companies Fuel the Global Inequality Crisis“ bewertet Unternehmenspraktiken auf Basis des Corporate Inequality Frameworks anhand von vier Dimensionen der Ungleichheit: Menschen, Macht, Profit und Planet.
Wie Konzerne die Ungleichheit verschärfen
Menschen
Unternehmen haben großen Einfluss auf die Ungleichheit zwischen ihren Beschäftigten. Besonders relevant sind dabei der Gender Pay Gap, also die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern, und Strategien zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit in den Unternehmen.
Macht
Auch die Machtverhältnisse in Unternehmen prägen den Einfluss auf interne und gesellschaftliche Ungleichheit. Durch die Art der Unternehmensführung und der Arbeitsverhältnisse wirken Konzerne nach innen, durch politisches Lobbying nach außen auf soziale Ungleichheit ein.
Profit
Extremer Reichtum ist kein Zufall. Das Vermögen von Milliardär*innen beruht überwiegend auf Anteilen an multinationalen Konzernen, auf die sie als CEOs oder Aktionär*innen enormen Einfluss haben. Von den großen Gewinnen dieser Konzerne profitieren sie selbst am meisten: Zwischen 2022 und 2024 erhielten Aktionär*innen der 100 untersuchten europäischen Konzerne im Schnitt mehr als zwei Drittel der Gewinne.
Planet
Für die sozial-ökologische Transformation bleibt da nicht viel Geld übrig: 2024 schüttete knapp die Hälfte der Konzerne 32-mal mehr an Aktionär*innen aus, als sie in den ökologischen Wandel investierte, also zum Beispiel in die Umstellung auf CO₂-arme Produktionsprozesse. Und das, obwohl die Verantwortung für den Großteil der klimaschädlichen Emissionen bei großen Konzernen liegt.
Eine interaktive Aufbereitung der Daten des Berichts bietet die Möglichkeit, hier sehr viel tiefer einzusteigen.
EU und Bundesregierung bauen soziale und ökologische Standards ab
Der neue Oxfam-Bericht erscheint zu einer Zeit, in der die EU und die Bundesregierung soziale und ökologische Standards abbauen. Unter dem Vorwand der Wettbewerbsfähigkeit werden in Europa und Deutschland bereits erreichte Regelungen geschwächt, etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und der Lieferkettengesetzgebung.
Empfehlungen
Die vorliegende Analyse zeigt deutlich: Interne Strukturen und Entscheidungen der Konzerne begünstigen systematisch die Interessen von Anteilseigner*innen und oberstem Management auf Kosten anderer Interessensgruppen wie Arbeitnehmenden. Auf diese Weise zementieren sie gesellschaftliche Ungleichheiten.
Um den sozial-ökologischen Wandel der Unternehmen voranzutreiben, muss die Politik eine aktive Rolle einnehmen und klare Rahmenbedingungen und Regelungen schaffen.
Um konzerngetriebene Ungleichheit zu reduzieren, ist eine Vielzahl von Maßnahmen erforderlich:
- Den Abstand zwischen der Vergütung von CEOs und dem Medianlohn in Unternehmen auf maximal 20 zu 1 begrenzen
- Die Senkung der Körperschaftssteuer rückgängig machen
- Eine dauerhafte Übergewinnsteuer von mindestens 50 Prozent einführen
- Lobbyeinfluss stärker regulieren
- Die EU-Entgelttransparenz-Richtlinie zügig und vollständig in deutsches Recht umsetzen
- Mit dem Ausbau von Kinderbetreuung und Pflegeinfrastruktur und weiteren Maßnahmen eine bessere Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sicherstellen
- Zur Stärkung des klimaneutralen Umbaus der Wirtschaft den europäischen Emissionshandel stärken und durch sozial gerechte und zukunftsfähige industriepolitische Ansätze ergänzen
Das ist kein zufälliges Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen, sondern Ausdruck eines Systems, das zu einem enormen Einfluss von Großkonzernen und der Konzentration von Milliardenvermögen führt.
Denn von den Rekordgewinnen deutscher Unternehmen profitieren vor allem die Superreichen des Landes, die als Anteilseigner*innen Entscheidungen der Unternehmen mitbestimmen und von den immer weiter steigenden Dividenden-Ausschüttungen profitieren.
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Bericht „People, Power, Profits, Planet: How the Biggest European Companies Fuel the Global Inequality Crisis“ (englisch)
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