• 04. April 2012

Ganze Dörfer lösen sich auf

„In zehn Jahren werden alle in der Stadt sein"
Prabhati Devi melkt ihre Wasserbüffelkuh.
Durch die kontanten Dürren werden viele Dorfbewohner/innen gezwungen in die Städte auszuwandern – so auch vier der sieben Kinder von Prabhati Devi.

Landflucht ist ein großes Problem in Rajasthan, dem flächenmäßig größten Bundesstaat Indiens. Auch vier von Prabhati Devis sieben Kindern haben sich der großen Abwanderung in die Städte angeschlossen.

„Sie mussten das Dorf verlassen, denn heutzutage ist es sehr schwer hier zu überleben“, berichtet Prabhati Devi. „Vor 20 Jahren konnten wir genug für alle anbauen und hatten noch etwas für den Verkauf übrig. Jetzt wächst nicht mehr viel – weder Weizen noch Karotten. Der Regen reicht einfach nicht mehr aus. Nun müssen wir fast alles einkaufen, sogar Futter für das Vieh. Also gehen wir in die Städte und suchen nach Einkommensmöglichkeiten.“

In ihrem Heimatdorf Suraj ka Kheda gibt es fast nur noch alte Menschen und kleine Kinder. Abgesehen von einigen Müttern ist im arbeitsfähigen Alter niemand zurück geblieben. Die Hälfte der Einwohnerschaft, etwa 60 Erwachsene und viele Kinder, sind auf der Suche nach Arbeit in die Bundeshauptstadt Jaipur gegangen.

„Die Kinder werden die Dörfer verlassen und in den Ziegelbrennereien und Fabriken der großen Städte arbeiten müssen.“

„So viel hat sich verändert“, erzählt Prabhati Devi, „die Regenzeit, die vier Monate lang sein müsste, dauert nur noch zwei Monate. Die Winter waren normalerweise so kalt, dass wir warme Kleidung tragen mussten und sich morgens Tau bildete. Dann konnten wir Winter-Mungobohnen ernten. Aber jetzt sind die Winter wärmer und wir bekommen keinen Tau mehr – schon seit 15 Jahren nicht.“

„Wenn nichts passiert, wird es in zehn Jahren gar keine Feldfrüchte mehr geben und auch kein Futter für das Vieh. Die Kinder werden die Dörfer verlassen und in den Ziegelbrennereien und Fabriken von Jaipur oder Delhi arbeiten müssen. Sie werden keine Dorfschulen mehr besuchen können und auch keine Bildung bekommen.“

„Seit 15 Jahren sehe ich meine Familie nur einmal im Jahr.“

Shankar Lal wartet in Jaipur täglich aufs Neue auf Arbeit.
Shankar Lal wartet in Jaipur täglich aufs Neue auf Arbeit.

Shankar Lal ist ein ehemaliger Nachbar von Prabhati Devi und einer von denen, die in die schnell wachsende Millionenstadt Jaipur abgewandert sind. Unter einer Autobahnbrücke versammeln sich jeden Morgen schon sehr früh Hunderte Jungen und Männer, alles Bauern aus Rajasthan oder von noch weiter weg, auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten als Tagelöhner. Viele von ihnen schlafen auch unter dieser Brücke.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jemals wieder wie früher in unseren Dörfern arbeiten können. Alles hängt vom Regen ab, aber seit zehn Jahren gab es keinen richtigen Regen mehr“, berichtet Herr Lal. „Deswegen komme ich inzwischen seit 15 Jahren zum Arbeiten hierher.“ Urlaub gibt es ebenso wenig wie Krankengeld. Shankar Lal schafft es, monatlich etwas Geld zurück nach Hause zu senden und seine Kinder in Jaipur zur Schule zu schicken. Aber für die meisten Wanderarbeiter ist eine abgebrochene oder unterbrochene Schulbildung Teil ihres sozialen Abstiegs.

Die Städte wachsen und auf dem Land gibt es immer weniger junge Menschen

Die Bevölkerung der indischen Städte hat allein zwischen 2001 und 2008 um 50 Millionen Menschen zugenommen. Dazu kommt die zeitweilige Migration der verarmten Dorfbevölkerung. Schätzungen zufolge sind in Jaipur ständig 100.000 von ihnen auf der Suche nach Arbeit. Für die Vorbereitungen der im Jahr 2010 ausgetragenen Commonwealth Games gingen sogar 400.000 nach Delhi.

Shankar Lal fragt sich, wie Indien sich in Zukunft selbst ernähren will, wenn so viele Bäuerinnen und Bauern aufgeben und in die Städte gehen. „In zehn Jahren wird es kein Dorf mehr geben“, fürchtet er. „Alle werden hier in der Stadt sein. Oder sie sind tot.“