Antwort an unsere Kritiker: Warum Oxfams Berechnungen zur Ungleichheit korrekt sind

Von Jörn Kalinski
Ein diagonal geteiltes Bild: Links eine Jacht, rechts ein Holz-Kanu

Aktualisiert: 1. Februar 2016*

Der am 18. Januar veröffentlichte Oxfam-Bericht zur weltweiten Vermögensverteilung „An Economy for the 1%“ hat große Wellen geschlagen und eine breite Diskussion über die wachsende soziale Ungleichheit angestoßen. Neben der überwiegend positiven Medienresonanz hat es in der deutschen Presse auch kritische Beiträge zur Methodik des Berichts gegeben. Diese wiederholen im Wesentlichen die bereits vor einem Jahr geäußerten Einwände der US-amerikanischen Journalisten Felix Salmon und Ezra Klein am Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit von 2015. Vor allem die Aussage, dass die reichsten 62 Einzelpersonen über genauso viel Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das sind 3,6 Milliarden Menschen, steht dabei aktuell im Fokus. Zudem wurden Zweifel an der Datengrundlage der Oxfam-Berechnungen geäußert. Wir finden es richtig und wichtig, dass Journalist/innen unseren Bericht kritisch lesen und so zu einer sachlichen Diskussion des Themas beitragen. Allerdings halten wir einen Teil der Kritik selbst für irreführend und falsch. Mit diesem Blog möchten wir darauf reagieren.

Dazu ein paar einleitende Worte: Um den Reichtum der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zu bestimmen, hat Oxfam auf die Daten des Credit Suisse Wealth Report zurückgegriffen. Demnach betrug das Vermögen der unteren 50 Prozent 2015 1,76 Billionen US-Dollar. Dann hat Oxfam die Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt zur Grundlage genommen und das Vermögen der Super-Reichen von oben herab zusammengerechnet, bis dieser Wert erreicht wurde. Es brauchte dafür lediglich 62 Milliardäre.

Bastian Brinkmann von der Süddeutschen Zeitung kritisiert, dass Oxfam mit den Daten der Credit Suisse und der Forbes-Liste nun Erhebungen vergleiche, „die kaum miteinander vergleichbar sind“.

Eine Begründung für seine These liefert Brinkmann nicht. Sie lässt sich auch nicht halten. Schließlich bezieht der Credit Suisse Wealth Report die Forbes-Liste als eine Quelle zur Vermögensberechnung von Reichen und Superreichen explizit mit ein und begründet dies ausführlich auf S. 26. Daher können beide Berichte durchaus aufeinander bezogen werden.

Salmon und Klein sowie nun Bastian Brinkmann von der Süddeutschen Zeitung und Philip Pickert von der FAZ argumentieren, dass dies irreführend sei, weil Credit Suisse auch die Schulden bei der Berechnung des Vermögens mit einbezieht.

Zur Veranschaulichung schreibt Brinkmann:

„Wenn Credit Suisse von ‚Vermögen‘ spricht, meint das Institut Ersparnisse nach Abzug aller Schulden. Das (...) führt allerdings zu kuriosen Ergebnissen: Wer in Deutschland gerade ein Einfamilienhaus gekauft und dafür einen Kredit aufgenommen hat, ist aus der Sicht eines Entwicklungshelfers wohl alles andere als arm. Übersteigt die Höhe der Schulden den Wiederverkaufswert des Hauses, gelten diese Eigenheimbesitzer in der Credit-Suisse-Rechnung aber nicht als vermögend - und ein obdachloser, aber schuldenfreier Schuhputzer in einem Entwicklungsland zählt als reicher. Das verzerrt die Statistik.“

Dazu lässt sich sagen: Brinkmann hat die Definition des Credit Suisse Berichts offensichtlich nicht gelesen. Darin wird Vermögen auf S. 13 definiert als „Summe aller finanziellen Werte plus Sachwerte (v.a. Immobilien) minus ihrer Schulden“. Mit anderen Worten: Ein deutscher Einfamilienhausbesitzer kann laut Credit-Suisse-Definition durchaus als vermögend gelten. Seinen Schulden steht ja ein Sachwert entgegen. Je länger er den Kredit auf sein Haus abbezahlt und dem realen Sachwert somit weniger Schulden gegenüberstehen, desto weiter rutscht er auf der Vermögensskala nach oben. Dass die Höhe der Schulden durch einen Kredit den Wiederverkaufswert des Hauses übersteigt, ist nur dann denkbar, wenn eine Bank entweder sehr schlecht rechnet oder der Wert eines Hauses nach der Kreditaufnahme massiv im Wert sinkt. Das ist in den jüngsten Immobilienkrisen tatsächlich massenhaft geschehen, hinterließ die Betroffenen allerdings tatsächlich häufig hoffnungslos überschuldet, entsprechend perspektivlos und – in der Tat – arm.

Pickert von der FAZ stößt sich an einem anderen Punkt. Er verweist darauf, dass unter den zehn ärmsten Prozent der Weltbevölkerung viele Nordamerikaner und Europäer sind, die zwar verschuldet sind, aber wohl kaum zu den ärmsten Menschen der Weltbevölkerung zählen dürften. Pickert schreibt: „Ein amerikanischer College-Absolvent, der einige zehntausend Dollar Studienkredite aufgenommen hat, der aber auf eine Karriere mit hohem Einkommen zusteuert, erscheint nach dieser Statistik ärmer als ein chinesischer Reisbauer mit seinem Ochsengespann in der tiefsten Provinz, der eben keinen Kredit hat.“

Das ist ein berechtigter Einwand. Allerdings spielt er bei der Oxfam-Berechnung zur Ungleichheit keine große Rolle. Schließlich sind Menschen mit negativem Vermögen aber gleichzeitig hohem Einkommen (oder Einkommensperspektive) und/ oder Lebensstandard die Ausnahme. Der überwiegende Teil sind tatsächlich verarmte Menschen aus armen Ländern. Nur ein Viertel der Menschen im untersten Zehntel der globalen Vermögensskala stammt übrigens aus Nordamerika oder Europa – jenen Weltregionen, in denen eine Verschuldung (und damit Kreditwürdigkeit) tendenziell stärker auf eine ökonomisch privilegierte Stellung hinweisen kann. Drei Viertel der Menschen aus den unteren zehn Prozent dagegen stammen aus Afrika, Asien-Pazifik, Indien und Lateinamerika. Zudem hat Oxfam bewusst die untersten 50 Prozent der Vermögensskala für seinen Vergleich mit den reichsten Einzelpersonen ausgewählt. Unter diesen sind überwiegend Menschen, die über kaum oder wenig Vermögen besitzen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Hier stammen 90 Prozent aus Afrika, Asien-Pazifik, Indien und Lateinamerika.

Selbst wenn man das negative Vermögen der untersten zehn Prozent herausrechnet (750 Milliarden US-Dollar oder -0.3% des globalen Vermögens), bleibt der von Oxfam konstatierte Trend der steigenden massiven Ungleichheit eindeutig. Nach dieser Berechnungsmethode läge der Anteil des reichsten Prozents der Weltbevölkerung bei 49,8% des Weltvermögens. Zum Vergleich: Die von Oxfam Anfang der Woche verkündete Zahl liegt bei 50,1 Prozent. Bei der Anzahl der reichsten Menschen, die über das gleiche Vermögen verfügen wie die unteren 50 Prozent, würde man mit dieser Methode bei 120 Einzelpersonen landen, statt bei 62. Allerdings ist auch hier der Trend eindeutig. Nach dieser Berechnungsmethode waren es 2010 schließlich noch 596 Milliardäre, die genauso viel besaßen wie die untersten 50 Prozent (388 nach der ursprünglichen Berechnungsmethode). Bezogen auf die 3,6 Milliarden Menschen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung spielt es allerdings nicht wirklich eine Rolle, ob 62 oder 120 Personen genau so viel besitzen, der Gegensatz ist krass und schockierend und der Trend eindeutig.

Wir möchten an dieser Stelle noch einmal betonen, dass viele Menschen mit negativem Vermögen tatsächlich arm sind. Jede Berechnungsmethode hat ihre Probleme. Entscheidend ist vielmehr, wie es sein kann, dass eine so verschwindend geringe Anzahl von Einzelpersonen über das gleiche Vermögen verfügt wie die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen zusammen.

Der Autor der Credit-Suisse-Berichte, Anthony Shorrocks, hat die nun recycelte Kritik von Klein und Salmon übrigens als „albern“ bezeichnet. „Das ist nicht der Rede Wert und lenkt vom Thema ab“, hatte er dem New Yorker 2015 mitgeteilt. Gegenüber Oxfam hat er diese Position nun noch einmal bekräftigt. „Obwohl es für die Betrachtung einzelner Länder durchaus wichtig sein kann, spielt der Faktor des negativen Vermögens bei der globalen Vermögensungleichheit kaum eine Rolle“, sagt er.

Kritik an der Forbes-Liste wiederum hat Konrad Fischer in der Wirtschaftswoche geäußert. Er schreibt: „Dabei haben die Daten eine große Schwäche: Das angegebene Vermögen ist nicht liquide. Die Menschen auf den obersten Forbes-Rängen sind allesamt Firmeninhaber, ihr Vermögen besteht größtenteils aus den Unternehmensanteilen, die sie halten.“ Dies habe zur Folge, dass es sich beim von Forbes geschätzten Vermögen zum Teil um Buchwerte handelt. Ob die Firmeninhaber ihre Aktien zu den aktuellen Preisen verkaufen können, sei ungewiss, zudem das Vermögen entsprechend den Aktienentwicklungen sehr volatil.

Fischers Fazit: „Um wirklich etwas über die Ungleichverteilung von Vermögen zu erfahren, muss man auf die liquideren Ersparnisse wie Immobilien, Bargeld, Anlagevermögen oder sonstige Wertgegenstände schauen.“

Für Oxfam ist dieser Einwand nicht überzeugend. Es stimmt: Aktienvermögen sind volatil. Daran lässt sich aber nun mal nichts ändern. Wonach soll man Aktienvermögen denn sonst schätzen als nach dem jeweils aktuellen und übrigens in beide Richtungen beweglichen Börsenwert? Um ein genaueres Bild der Vermögensverhältnisse zu bekommen, empfiehlt Fischer, auf „liquidere Ersparnisse“ wie Immobilen, Bargeld usw. zu schauen. Diese bezieht die Credit Suisse jedoch schon in ihre Berechnungen mit ein. Nach Schätzungen der Vermögensverwalter Wealth X und UBS machen diese Werte 23 Prozent des Vermögens von Superreichen aus.

Zudem sind auch diese Vermögenswerte volatil. Immobilienpreise können innerhalb kürzester Zeit rasant nach oben gehen oder über Nacht wie eine Seifenblase platzen. Der Goldpreis schwankt. Kunstpreise (ein unter Superreichen beliebtes Anlageprodukt) schlagen kuriose Kapriolen. Und selbst Bargeld verändert durch Inflation/ Deflation oder Wechselkursschwankungen mitunter drastisch seinen Wert. 

Und noch ein wichtiger Aspekt ginge verloren, würde man Firmenanteile vernachlässigen: Über sie haben die Eigentümer/innen Einfluss auf die Firmenpolitik und die strategische Ausrichtung von Unternehmen – und die wiederum haben immense Auswirkungen z. B. im Sozial- oder Umweltbereich.

Insgesamt lässt sich sagen, dass alle Wirtschaftsstatistiken Schwächen haben, die Daten von Forbes (sowie Credit Suisse) jedoch die besten verfügbaren zum Thema sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die Datenbasis im obersten Vermögensbereich sehr schlecht ist, wie Fischer selbst einräumt. Er konstatiert, dass „die reichsten Teile der Bevölkerung (...) am wenigsten auskunftsfreudig“ sind und dazu neigten, „ihre Vermögen in Befragungen zu unterschätzen“.

Hinzu kommt, dass es sich bei der Forbes-Liste zum Vermögen der reichsten Menschen um eine eher konservative Schätzung handelt. Eine alternative Untersuchung von Wealth-X und UBS zählte für 2014 zum Beispiel 2325 Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von 7,3 Billionen US-Dollar (Forbes zählte 2014 1645 Milliardäre mit 6,4 Billionen US-Dollar).

Erwähnenswert ist zudem, dass beide Studien die in Steueroasen versteckten Vermögen nicht mit einbeziehen. Nach Schätzungen des Ökonomen Gabriel Zucman haben allein reiche Einzelpersonen dort die gigantische Summe von rund 7,6 Billionen US-Dollar geparkt!

Gut möglich also, dass das Vermögen der reichsten Menschen des Planeten also sogar über dem Forbes-Wert liegt, den Fischer kritisiert.

*Diesen Blogbeitrag haben wir am 1. Februar 2016 um vier Teilaspekte erweitert bzw. geändert:

  1. Brinkmanns Kritik an der Vergleichbarkeit der Credit-Suisse-Daten mit der Forbes-Liste und unsere Erwiderung darauf haben wir hinzugefügt.
  2. Brinkmann hat seine Kritik an der Einbeziehung von Schulden in die Vermögensberechnung in seinem Text nun anders formuliert. Das Zitat und unsere Antwort darauf haben wir entsprechend angepasst.
  3. Fischers Fazit und seine Aufforderung, „liquidere Ersparnisse“ genauer zu betrachten, sowie unsere Erwiderung darauf, haben wir hinzugefügt.
  4. Ursprünglich hatten wir beim Verweis auf die Gabriel-Zucman-Studie vom in Steueroasen „geparkten Vermögen von Konzernen und Einzelpersonen“ geschrieben. Zucman bezieht sich hier lediglich auf das Vermögen von Einzelpersonen. Das haben wir nun geändert.

5 Kommentare

Dann sind es je nach Berechnung eben nicht 62 sondern 162 oder 1062. Was ändert das? Nichts!

Und wie würde es ausschauen, wenn man Namen wie Rothschild, Rockefeller, usw., die in der Forbes-Liste gar nicht vorkommen, berücksichtigen würde?

ist nicht nur durch die Steueroasen zu erklären. Die Regierungen eines jeden Landes dieser Welt, haben die Aufgabe, für das Kapital die besten Verwertungs-
bedingungen zu schaffen. (K. Marx, Kapital Bd. i) Börse und Wertschöpfung im eigenen Land, bilden die Voraussetzungen für dieses Mißverhältnis. Der beste Beweis liefert uns die zur Zeit amtierende Bundesregierung der A. Merkel. Es ist zwar sehr gut, die Armut zu lindern, aber ohne die Veränderung der politischen Rahmen-
bedingungen ist das vergebliche Liebesmühe.

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