In Deutschland wird die Tuberkulose vielfach als Problem der Vergangenheit wahrgenommen oder als solches, das nur Menschen in Entwicklungsländern betrifft.

Dabei ist die Tuberkulose (TB) ein globales Gesundheitsproblem, rund ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem TB-Bakterium infiziert. Tuberkulose führt neben Aids die Liste der tödlichsten Infektionskrankheiten an: Im Jahr 2014 erkrankten weltweit 9,6 Millionen Menschen an Tuberkulose, etwa 1,5 Millionen starben daran. Auch die Zahl der HIV-Tuberkulose-Koinfektionen steigt stetig. 400.000 der 1,5 Millionen Tuberkulosetoten waren HIV-positiv.

Auch wenn über 95 Prozent der Tuberkulose-Infektionen und Todesfälle in Entwicklungsländern auftreten – allen voran in Südostasien, Westpazifik und Afrika –, ist die Situation auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft besorgniserregend: Die europäische Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO)* weist weltweit die höchste Rate an multiresistenter Tuberkulose auf.

Es fehlt an Mitteln für effektive Tuberkuloseprävention, -diagnose und -behandlung. Laut WHO lag die Finanzierungslücke im Jahr 2015 bei 1,4 Milliarden US-Dollar.
Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und Impfungen müssen dringend ausgebaut und neue Anreize gesetzt werden; hier fehlt es jährlich an 1,3 Milliarden US-Dollar.

*In dem WHO-Regionalbüro für Europa sind 53 europäische Länder vertreten.

 

Hintergrund:

Prinzipiell ist Tuberkulose mit einer Antibiotikatherapie in sechs bis acht Monaten heilbar. Bei lückenloser und richtig dosierter Einnahme sind die Medikamente wirksam und auch kostengünstig. Eine engmaschige Begleitung der Patienten ist deshalb unabdingbar. Problematisch wird es, wenn Patienten die Medikamente falsch einnehmen oder die Therapie vorzeitig abbrechen oder abbrechen müssen, z.B. aufgrund von Nebenwirkungen, unzureichender Kontrolle in Gesundheitseinrichtungen oder Lücken in der Medikamentenversorgung.

Dies führt zur Entstehung von resistenten Bakterienstämmen – der multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) – die mit den herkömmlichen Medikamenten Rifampicin und Isoniazid nicht mehr behandelt werden können. Diagnose und Behandlung dieser Form der Tuberkulose sind weitaus schwieriger als bei der „normalen“ Form. Die Therapie dauert drei bis viermal so lang, ist sehr nebenwirkungsreich mit möglichen Langzeitfolgen wie Blindheit und Taubheit und außerdem rund 450-mal teurer. Dies stellt die Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern nicht nur finanziell, sondern auch logistisch und personell vor große Herausforderungen. Noch schwieriger ist die Situation bei der extensiv resistenten Tuberkulose, bei der auch die Medikamente, die zur Behandlung der MDR-Therapie eingesetzt werden, wirkungslos bleiben. Allein die Diagnose ist sehr langwierig und komplex, bedarf spezialisierter Labore und gut ausgebildeten Personals und ist daher nur sehr eingeschränkt möglich. Die Heilungschancen liegen selbst in hochindustrialisierten Ländern bei nur 40 Prozent.

Tuberkulose – nicht nur ein Problem in Entwicklungsländern

Besonders besorgniserregend ist die Situation in unserer unmittelbaren Nachbarschaft: Die Europäische Region der WHO hat weltweit die höchste Rate an multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). 15 der 27 Länder mit der höchsten Krankheitslast an multiresistenter Tuberkulose liegen in der Region Europa der Weltgesundheitsorganisation, darunter auch die fünf EU-Mitgliedsländer Rumänien, Bulgarien, Estland, Litauen und Lettland.

Nationale Tuberkulose-Programme sind hier oft vollständig unterfinanziert und abhängig von externer Unterstützung. In einigen Ländern wird das Problem auch nicht ausreichend priorisiert und nicht an der Entwicklung und Umsetzung wirksamer Strategien gearbeitet – unter anderem, weil hier überproportional Bevölkerungsgruppen betroffen sind, die diskriminiert werden: Häftlinge, Drogenbenutzer, Homosexuelle und Prostituierte. Viele der betroffenen Länder werden von der Weltbank als solche mittleren oder oberen mittleren Einkommens  eingestuft.

Dringender Forschungsbedarf

Der Forschungsbedarf im Bereich antimikrobielle Resistenzen ist enorm.

Die Medikamente, die zur Behandlung der sensiblen Form der Tuberkulose eingesetzt werden (die Antibiotika Isoniazid und Rifampicin), stammen aus den 50er und 60er Jahren. Die Bildung von Resistenzen und die damit einhergehende Zunahme von multiresistenter und extensiv resistenter Tuberkulose sind enorm.

Obwohl es an wirksamen und gut verträglichen Medikamenten mangelt, sind die weltweiten Forschungsausgaben für TB im letzten Jahr gesunken. Das Engagement scheint für die pharmazeutische Industrie nicht lukrativ genug. Die private Forschung orientiert sich nicht am größten medizinischen Bedarf, sondern an Krankheiten und Absatzmärkten mit den größten Gewinnmöglichkeiten. Dabei werden dringend neue Antibiotika, aber auch bessere Diagnostik und Impfungen benötigt. Laut WHO fehlt es jährlich an 1,3 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung.

Erhöhte öffentliche Fördermittel und neue Forschungsanreize müssen diese Finanzierungs­lücken ausgleichen. Es ist ein System ist nötig, das die Patienten vor den Profit stellt.

Politik muss Forschung fördern

Bundeskanzlerin Merkel hat beim G7-Gipfel in Elmau den Themen „antimikrobielle Resistenzen“ und „armutsbedingte Infektionskrankheiten“ einen prominenten Platz auf der Agenda eingeräumt. In ihrer Abschlusserklärung haben die G7-Staaten die Bedeutung der Bekämpfung von Ebola, antimikrobiellen Resistenzen und vernachlässigten Krankheiten hervorgehoben sowie ausdrücklich auch die notwendige Stärkung der Forschung in diesem Bereich betont. Konkrete Schritte von G7 und WHO sind nun erforderlich – etwa durch einen internationalen Forschungsfonds zur Koordinierung und Finanzierung der globalen Vorhaben in diesen Forschungsfeldern.

Auch eine globale Forschungsrahmenkonvention, wie sie derzeit bei der WHO diskutiert wird, ist ein geeignetes Instrument, um die Zusagen der deutschen G7-Präsidentschaft im Bereich globaler Gesundheit erfolgreich umzusetzen.