Mit Smartphone, Internet und Köpfchen

Online-Arbeitsplätze in umgebauten Schiffscontainern, Wasser aus bargeldlosen Automaten und Pflanzenkrankheiten, die über Handyfotos erkannt werden können – wie Digitalisierung dabei helfen kann, Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, zeigen Oxfams Projekte in Indien, Benin, Kenia und Simbabwe.
Arron Gesar hält ihren Chip gegen den Sensor des Wasser-Automaten, um Trinkwasser zu holen.
Arron Gesar hält ihren Chip gegen den Sensor eines Wasser-Automaten in Kenia, um Trinkwasser zu holen.

Informationen im Internet suchen, via Smartphone miteinander kommunizieren oder bargeldlos mit dem Handy bezahlen – für viele ist das Alltag. Menschen, die außerhalb der Industriestaaten leben, bleiben zentrale Technologien jedoch oft verwehrt. Dabei kann ihnen der richtige Einsatz von technischen Innovationen ein besseres Leben ermöglichen.

Indien: Digital für faire Marktpreise sorgen

Digitale Dienste ermöglichen es den Menschen in den Distrikten Munger und Bhagalpur, aktuelle Marktpreise abzurufen und mit Händler/innen zu kommunizieren.
Digitale Dienste ermöglichen es den Menschen in den Distrikten Munger und Bhagalpur, aktuelle Marktpreise abzurufen und mit Händler/innen zu kommunizieren.

Wie die Digitalisierung Menschen helfen kann, zeigt ein Projekt in Indien. Die beiden Distrikte Munger und Bhagalpur im Bundesstaat Bihar gehören zu den ärmsten Regionen des Landes. Hier leben die Menschen von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und bauen neben Getreide vor allem Gemüse an. Bislang mussten sie ihre Ernten jedoch zu schlechten Preisen verkaufen. Besonders Bäuerinnen waren benachteiligt, da sie nur selten in kleinbäuerlichen Kooperativen organisiert waren.

„Jede verkaufte für sich ihre kleinen Erträge weit unter Marktwert an Zwischenhändler“, berichtet Jana Schindler, die für Oxfam das Projekt koordiniert. „Mittlerweile gibt es digitale Dienste, bei denen die Frauen aktuelle Marktpreise abrufen und mit Händler/innen kommunizieren können.“ Zudem können die Frauen sich über die Plattformen gegenseitig beraten oder Schulungs-Videoclips ansehen.

Ein Service des indischen Agrarministeriums bietet sogar an, Pflanzenkrankheiten anhand von Handyfotos feststellen zu lassen. Damit auch Bäuerinnen ohne Internetzugang davon profitieren können, hat Oxfam an die Frauengruppen Mobiltelefone verteilt.

Benin: Zugang zu digitalem Wissen

Ein Zugangsort zum digitalen Wissen für junge Menschen, für kulturellen Austausch und Berufsbildung – das ist die Idee des „Bambus Digital“-Zentrums in Cotonou, Benin.

Wer Technologien nutzen will, braucht neben dem nötigen Know-how erst einmal einen Zugang. Das ist in Cotonou, dem wirtschaftlichen Zentrum Benins, nicht anders. Dort bilden die jungen Menschen die Mehrheit der Stadtbevölkerung. Sie alle streben nach Berufsperspektiven, doch viele sind nicht digital alphabetisiert. „Ihnen fehlen Zugangsmöglichkeiten und Kompetenzen, um die digitalen Chancen für sich zu ergreifen“, sagt Stefanie Beck, die für Oxfam ein Digitalisierungsprojekt betreut. Nur acht Prozent der jungen Leute haben Zugang zu einem Internetanschluss, lediglich 16 Prozent zu einem Computer.

Das brachte Oxfams Partnerorganisationen CDEL (Centre de Développement Economique Local) und Bénin Slam auf eine Idee: Auf den öffentlichen Plätzen nahe Schulen und Universitäten haben sie Orte geschaffen, an denen die jungen Menschen einen Zugang zu digitalem Wissen, zu Kultur und Berufsbildung haben. Im „Bambus Digital“-Zentrum kann sich die junge Kulturszene austauschen und sich vernetzen. In kleinen Blockhäusern und umgebauten Schiffscontainern können die Besucher/innen an Online-Arbeitsplätzen lernen und recherchieren. Eine Internet-Bibliothek macht kulturelles und berufsrelevantes Wissen verfügbar.

„Regelmäßig werden Workshops angeboten, in denen die jungen Städter/innen lernen, soziale Netzwerke und Online-Plattformen zu nutzen oder Grafik- und Webdesign anzuwenden. Andere Workshops unterstützen bei der Jobsuche und Existenzgründing oder vermitteln Unternehmer- und Führungskompetenzen“, erklärt Beck. Onlinekurse, persönliche Kompetenzanalysen und individuelles Coaching kommen hinzu.

Kenia: Rund um die Uhr Wasser aus Automaten zapfen

An den Wasserautomaten können die Menschen per Chip sauberes Wasser „abheben“.
An den Wasserautomaten können die Menschen per Chip sauberes Wasser „abheben“.

In Kenias Norden, im Bezirk Wajir, geht es den Menschen um etwas viel Grundsätzlicheres als Internetzugang: Die dort lebenden Viehbesitzer/innen brauchen dringend sauberes Wasser, für sich und ihre Tiere. Dürren und das unzureichende Management der lokalen Behörden führen zu extremer Wasserknappheit, sodass die Menschen auf der Suche nach Wasser immer größere Entfernungen zurücklegen müssen.

Als Lösung hat Oxfam eine nachhaltige und digitale Wasserversorgung aufgebaut. Gemeinsam mit dem lokalen Wasserversorgungsunternehmen WAJWASCO hat Oxfam 15 Wasserautomaten und solarbetriebene Wasserbohrungen initiiert. Die Automaten funktionieren ähnlich wie Bargeldmaschinen: Die Menschen können Chips mit einem Guthaben aufladen und damit sauberes Wasser „abheben“ – 20 Liter auf einmal, 24 Stunden am Tag, ohne größere Entfernungen vom Dorf.

Der Vorrat bei den Wasserautomaten wird automatisch an WAJWASCO gemeldet, um rechtzeitig für Nachschub zu sorgen. Die Ausgabemaschinen sind mit Rohren an die solarbetriebenen Bohrlöcher angeschlossen. Die Automaten und Chips können aber noch mehr: Mit den Daten lässt sich herausfinden, welche Familien nur wenig Wasser holen – wahrscheinlich, weil sie sich nicht mehr leisten können. Auf sie kann Oxfam gezielt zugehen und ihre Guthaben aufstocken. Die Chips können in kleinen Shops aufgeladen werden oder funktionieren digital über mobilen Bargeldtransfer.

Simbabwe: Bargeldlos bezahlen per Handy

Florence Zivambiso mit dem Handy, das sie von Oxfam erhalten hat.

Bargeld als Guthaben auf Handys zu übertragen, ist nicht nur in Kenia eine Lösung, sondern unterstützt auch Menschen in Simbabwe. Nach mehr als fünf Jahren Dürre und dem Ausbruch einer Barmittel-Krise ist das mobile Guthaben oft überlebenswichtig. Mit dem Telefon können die Menschen die dringend benötigten Lebensmittel nun via Kurznachricht bezahlen.

Eine von ihnen ist Florence Zivambiso. Die 71 Jahre alte Frau aus dem Ort Chikovo im Süden Simbabwes konnte alltägliche Nahrungsmittel auf Märkten und in Lebensmittelgeschäften mit ihrem Handy kaufen. „Es gab Zeiten, in denen meine Familie drei Tage am Stück überhaupt nichts zu essen hatte“, erzählt Florence. Im letzten Jahr erhielt sie von Oxfam ein Mobiltelefon mit einem Lebensmittelguthaben von 20 US-Dollar. „Es ist eine große Erleichterung. Wir können nun wieder jeden Morgen mit einer Mahlzeit beginnen“, sagt Florence.

Dank der Möglichkeit, Guthaben auf Mobiltelefone zu senden, kann Oxfam auch in den entlegensten Gebieten Menschen erreichen. Selbst falls es keine Stromversorgung gibt, können die Telefon-Akkus mit den mitgelieferten sonnenbetriebenen Ladegeräten aufgeladen werden. Und zusätzlich spenden die kleinen Taschenlampen der Handys extra Licht nach Sonnenuntergang. Es muss eben nicht immer der vollautonome Traktor sein. Oft kann schon ein kleines Handy sehr viel bewegen – wenn man es schlau einsetzt.

Dieser Text wurde bereits veröffentlicht in: EINS Winter 2017

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