Dies ist das Land, in dem man nicht versteht, dass FREMD kein Wort für FEINDLICH ist, in dem Besucher nur geduldet sind, wenn sie versprechen, dass sie bald wieder gehen. Es ist auch mein Zuhaus, selbst wenn’s ein Zufall ist und irgendwann fällt es auch auf mich zurück, wenn ein Mensch aus einem anderen Land ohne Angst hier nicht mehr leben kann. Weil täglich immer mehr passiert, weil der Hass auf Fremde eskaliert und keiner weiß, wie und wann man diesen Schwachsinn stoppen wird...
Aus: „Willkommen in Deutschland“. Die Toten Hosen. 1993.

25 Jahre alt sind die Zeilen aus eurem Song „Willkommen in Deutschland“. Sie klingen, als hättet ihr sie 2018 geschrieben. Hat sich seit 1993 nichts geändert?

Campino: Es stimmt: Die Brisanz des Textes nach all den Jahren, auch noch in der heutigen Zeit, ist schockierend. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Bedrohung von Rechts, seitdem ich auf der Welt bin, nie größer war. Denn inzwischen haben wir es nicht nur mit einer Bewegung in Deutschland zu tun, sondern mit einer weltweiten Welle. Von Brasilien über die USA, von Ungarn bis Österreich – die Erfolge der rechten Populisten schaukeln sich gegenseitig hoch und haben zur Folge, dass rechtsextremes, rassistisches und homophobes Gedankengut Teil des Mainstreams geworden ist. Das hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben.

Bei eurer aktuellen Tour habt ihr zur Aktion „Wir geben keine Ruhe – gemeinsam gegen Rechts“ aufgerufen, in Dresden habt ihr Pegida-Gegner*innen mit einem Konzert unterstützt, nach den Aufmärschen Rechtsradikaler in Chemnitz wart ihr beim „#Wir sind mehr“-Konzert dabei. Kann Musik Demokratie stärken?

Campino: Das ist für mich nicht leicht zu beantworten. Wir sind nun einmal Musiker und die Instrumente sind unsere Werkzeuge. Also versuchen wir uns damit, irgendwie in die Diskussion einzubringen. Ein Lied kann Menschen nicht verändern, egal worum es geht. Es kann immer nur das antriggern, was ohnehin schon vorhanden ist. Insofern sehe ich unsere Lieder eher als Mutmacher und Wegbegleiter für alle, die so denken wie wir, und nicht als ein Mittel, die Gegenseite zum Nachdenken zu bringen.

Nicht nur bei Missständen in Deutschland auch weltweit tut ihr nicht so, als ginge es euch nichts an: Ihr setzt euch auch gemeinsam mit Oxfam für eine gerechte Welt ohne Armut ein. Warum?

Breiti: Dahinter steht der Gedanke, dass jeder Mensch auf der Welt ein Recht auf sauberes Wasser, ausreichende Ernährung, medizinische Versorgung, Schulbildung und andere grundsätzliche und lebensnotwendige Dinge hat, das ist zuerst eine Sache der Solidarität. Darüber hinaus beeinträchtigen zum Beispiel die Handelspolitik der EU, der von uns wesentlich mit verursachte Klimawandel oder unser Konsumverhalten extrem das Leben von vielen Menschen in anderen Weltgegenden. Es gibt viele Menschen bei uns, die das gerne ändern würden, aber nicht so recht wissen, was sie tun sollen. Oxfams Kampagnen bieten eine gute Möglichkeit sich einzubringen. Und sie bewirken auch tatsächlich immer wieder Veränderungen zum Positiven.

Kuddel, Breiti, Andi, Vom und Campino (v.l.n.r.) und Oxfams Campaignerinnen Caroline König (l.) und Sabine Gernemann mit einem Oxfam-Banner
Sie mischen sich ein, die Toten Hosen. Kuddel, Breiti, Andi, Vom und Campino (v.l.n.r.). Bei ihren Konzerten informieren Oxfams Campaignerinnen Caroline König (l.) und Sabine Gernemann gemeinsam mit freiwilligen Aktivist*innen die Fans und sammeln Unterschriften.

Wie habt ihr Oxfam überhaupt kennengelernt?

Breiti: Als im Jahr 2005 der G8-Gipfel in Schottland stattfand, wurden in allen Mitgliedsstaaten der G8 sowie in Südafrika Musikfestivals unter dem Motto „Make Poverty History“ veranstaltet, um stärkere Anstrengungen zur Bekämpfung der Armut zu fordern. Wir spielten bei dem Festival in Berlin, um diese Forderung zu unterstützen. Als vor dem G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm etwas Ähnliches geplant war, gab uns Bob Geldof die Anregung, eine von Oxfam organisierte Reise durch drei afrikanische Länder zu machen. „Damit ihr wisst, wovon ihr redet", wie er damals meinte. Zwei Wochen lang konnten wir in Uganda, Malawi und Sambia rund um die Uhr verschiedenste Projekte und Organisationen kennenlernen und haben sehr viel davon mitbekommen, was an Entwicklungszusammenarbeit unverzichtbar und sinnvoll ist und was nicht. Die Arbeit von Oxfam haben wir dabei als sehr wertvoll kennengelernt. Nach der Reise blieb unser Kontakt zu Oxfam erhalten und wenig später beschlossen wir, die Arbeit und die Kampagnen von Oxfam dauerhaft zu unterstützen.

Nun sind die meisten Menschen keine berühmten Musiker mit großer Bühne. Was kann, was muss trotzdem jede*r einzelne tun, will er die Augen nicht verschließen – nicht vor Missständen in Deutschland, nicht vor Missständen weltweit?

Breiti: Zuerst finde ich es wichtig, sich zu informieren, was um einen herum und in der Welt los ist, am besten aus verschiedenen Quellen. Fernsehen, Zeitungen, Bücher, Dokumentationen, mit Leuten reden, die in bestimmten Bereichen arbeiten, eure Website, zu allen Themen gibt es ein reichhaltiges Angebot. Wer dann aktiv werden will, wird auch die entsprechenden Organisationen finden. Mitglied werden, spenden, bei Kampagnen mitmachen, da gibt es viele Möglichkeiten. Das ist zwar oft mühsam, aber eine freie Presse und diese Möglichkeit zur Beteiligung sind ein großes Privileg, von dem viele Menschen in autoritären und diktatorischen Regimen nur träumen können. Auch, was zum Beispiel eure Konzertaktivist*innen machen, ist total sinnvoll und wichtig, wir als Band erreichen eben nur mehr Leute. Jeder kann an seinem Platz ein Mosaiksteinchen zum großen Ganzen beitragen.

 

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