Ohne Frauen steht die Welt still
Es ist so vieles möglich. Was wäre nicht alles denkbar, wenn alle Menschen ihre Chancen wahrnehmen können? Wenn Gleichberechtigung kein Randthema, sondern bereits gelebte Realität wäre? Wenn Frauen und Mädchen ihr Leben selbstbestimmt leben könnten?
Es ist an uns, uns diese Welt vorzustellen. Denn schon dieser Akt der Imagination ist ein wichtiger Schritt, damit wir den Status quo nicht einfach akzeptieren und die Kraft haben, etwas zu verändern. Das ist der Grund, warum der Internationale Frauentag so ein wichtiger Tag ist. Er erinnert uns daran: Es gibt noch viel zu tun und viel zu erreichen!
Immer noch geht es in vielen Bereichen mit der Gleichstellung zu langsam voran, ja in vielen Bereichen gibt es sogar Rückschritte bei hart erkämpften Errungenschaften. Auch hier bei uns. Zahlreiche tagesaktuelle Themen zeigen, dass sich Frauenverachtung und Sexismus hartnäckig in Gesellschaften halten. Obwohl schon lange klar ist: Ohne Frauen steht die Welt still.
Echte Gleichstellung würde für so viele Frauen und Mädchen (aber nicht nur für sie) einen echten Unterschied machen. Im Extremfall – der leider nach wie vor keine Ausnahme ist – können Selbstbestimmung und angemessene gesundheitliche Versorgung von Frauen und Mädchen sogar eine Frage von Leben oder Tod sein.
Was hat der Kampf gegen Armut mit Frauen zu tun?
Wer über Bekämpfung von Armut und Ungleichheit sprechen möchte, muss über Frauen sprechen. Es sind Frauen und Mädchen, die Wasser holen, Nahrung anbauen, Kinder betreuen, Kranke pflegen und Gemeinschaften stabilisieren – oft unter Bedingungen von Armut, Klimakrise und fragilen staatlichen Strukturen. Sie sichern das tägliche Überleben von Familien und tragen entscheidend dazu bei, dass Bildung möglich wird, Einkommen entstehen und gesellschaftlicher Zusammenhalt bestehen bleibt.
Frauen und Mädchen leisten weltweit rund 75 Prozent der unbezahlten Pflege- und Sorgearbeit. Gerade in wirtschaftlich benachteiligten Ländern bedeutet das viele Stunden körperlich anstrengender Arbeit – häufig ohne Zugang zu Infrastruktur, sozialer Absicherung oder politischer Mitsprache. Im Bericht „Im Schatten der Profite“ beziffert Oxfam den monetären Gegenwert dieser unbezahlten Arbeit auf mindestens 10,8 Billionen US-Dollar pro Jahr. Diese Zahl verdeutlicht: Was als „privat“ gilt, ist in Wahrheit das Fundament von Gesellschaft und Volkswirtschaft.
Wo öffentliche Dienstleistungen fehlen oder gekürzt werden, füllen Frauen die Lücken. Wo Klimaschocks das Leben aus den Angeln heben, organisieren sie die Versorgung neu und übernehmen die Carearbeit. Wo Konflikte soziale Netze zerreißen, halten sie Gemeinschaften zusammen. Entwicklungspolitik, die diese Realität nicht ins Zentrum stellt, bleibt unvollständig.
Der Fortschritt gerät ins Stocken
Gleichzeitig erleben wir weltweit eine Phase der Stagnation – in Teilen sogar des Rückschritts. Der Gender Gap Report des World Economic Forum zeigt: Beim gegenwärtigen Tempo wird es noch über 120 Jahre dauern, bis vollständige Gleichstellung erreicht ist. Besonders groß bleiben die Lücken bei wirtschaftlicher und politischer Teilhabe von Frauen und Mädchen und ihrem Zugang zu Ressourcen.
Armut und extreme Vermögenskonzentration verschärfen diese Ungleichheit zusätzlich. In unserem kürzlich veröffentlichten Bericht Resisting the Rule of the Rich zeigen wir, dass die 12 reichsten Menschen zusammen mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Frauen sind überproportional von extremer Armut betroffen – sie arbeiten häufiger informell, schlechter bezahlt und ohne soziale Sicherung.
Auch in Europa ist Gleichstellung kein Selbstläufer. Der Gender Pay Gap in Europa liegt bei rund 13 % und bei 16 % in Deutschland.
Geduld ist keine Strategie
Gleichstellung wird sich nicht „von selbst“ einstellen. Weder in fragilen Kontexten noch in stabilen Volkswirtschaften. Märkte korrigieren keine strukturelle Ungleichverteilung von Pflege- und Sorgearbeit. Und politische Systeme priorisieren Pflege- und Sorgearbeit nicht automatisch, solange diese nicht öffentlich thematisiert wird.
Wir brauchen daher einen klaren Perspektivwechsel:
Es geht nicht nur um die Frage, wie Frauen zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen können, sondern darum, wie wirtschaftliche und entwicklungspolitische Strukturen so gestaltet werden, dass sie Gleichberechtigung aktiv ermöglichen.
Das bedeutet:
- Investitionen in öffentliche Gesundheits-, Bildungs- und Pflege- und Sorgeinfrastruktur
- Soziale Sicherungssysteme, die Frauen einschließen
- Geschlechtergerechte Haushalts-, Steuer- und Investitionspolitik
- Verbindliche Strategien zur Stärkung politischer und wirtschaftlicher Teilhabe von Frauen
- Eine ausreichende und geschlechtergerechte Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe.
Gleichberechtigung ist kein Randthema der Entwicklungspolitik. Sie ist Grundlage für die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit.
Ohne Frauen steht die Welt still. Nur mit konsequenter Gleichstellungspolitik schaffen wir die Grundlage dafür, dass sie vorankommt.