Seit sieben Jahren herrscht in dem zentral- und westafrikanischen Tschadseebecken eine Krise, von der die Welt kaum Notiz nimmt. Ursache sind andauernde Gewalttaten der als Boko Haram bekannten Extremistengruppe und militärische Gegenmaßnahmen im Norden Nigerias. Der brutale Konflikt hat in den letzten Jahren auch auf die Nachbarländer übergegriffen und nichts deutet darauf hin, dass er bald enden könnte. Das größte Leid trägt die unbeteiligte Bevölkerung. Mehr als 2,6 Millionen Menschen mussten in der Region ihr Zuhause verlassen – über 1,9 Millionen wurden allein im Nordosten Nigerias vertrieben, weitere 427.000 in Kamerun, Tschad und Niger. 155.000 sind aus Nigeria nach Niger geflohen. Insgesamt sind rund neun Millionen Menschen in der Region auf Hilfe angewiesen – die Nahrungsmittelversorgung von über sechs Millionen ist prekär. Not leiden dabei nicht nur die Geflüchteten und Vertriebenen, sondern zunehmend auch jene Menschen, die ihnen Schutz und Unterkunft gewähren.

Internationale Hilfe hinkt hinterher

Obwohl es die am schnellsten wachsende Fluchtkrise in Afrika ist, sind die internationalen Hilfsanstrengungen bislang völlig ungenügend. Lediglich 22 Prozent der von den Vereinten Nationen für Nothilfe in der betroffenen Region veranschlagten 559 Millionen US-Dollar wurden bislang von Geberstaaten zur Verfügung gestellt. Dabei ist der Bedarf an Unterstützung riesig – durch die Kämpfe wurden weite Teile der lebenswichtigen Infrastruktur wie z.B. Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Felder und Märkte zerstört.

Millionen Menschen akut bedroht

Millionen Menschen müssen jederzeit damit rechnen, in andere Landesteile oder Nachbarländer zu fliehen, um Schutz vor der allgegenwärtigen Gefahr zu suchen. Menschenrechtsverletzungen und Willkür sind an der Tagesordnung. Über 20.000 Menschen sind in Nigeria seit 2009 Gewaltakten zum Opfer gefallen. Weitaus mehr sind bereits aufgrund indirekter Auswirkungen des Konflikts gestorben oder erkrankt – viele Menschen haben als Folge von Hunger, Krankheit und mangelnder medizinischer Versorgung dauerhafte körperliche Schäden erlitten. Sollte zum Beispiel in den nigerianischen Bundesstaaten Borno und Yobe die Nahrungsmittelhilfe bis September nicht erheblich verstärkt werden, wären 67.000 Kinder unter fünf Jahren akut vom Tode bedroht. Das Welternährungsprogramm befürchtet, dass es im September in Niger aus Geldmangel gezwungen sein könnte, die Nothilfe für unterernährte Kinder einzustellen.

Regierungen müssen handeln

Oxfam ruft Regierungen internationaler Geberländer dazu auf, besonders im Nordosten Nigerias ihre humanitäre Hilfe umgehend massiv zu verstärken. Die Unterstützung muss dabei gleichermaßen Geflüchteten und Not leidenden Angehörigen der Aufnahmegemeinschaften zugutekommen und den Schwerpunkt neben akuter Nahrungsmittelhilfe auch auf die Sicherung und den Neuaufbau von Existenzgrundlagen legen. Vor allem muss auch den Menschen geholfen werden, die außerhalb offizieller Flüchtlingscamps leben. Auch gilt es, vermehrt lokale Akteure der humanitären Hilfe zu stärken.

Dringend notwendig sind ferner verstärkte Maßnahmen zum Schutz besonders verletzlicher Bevölkerungsgruppen, vor allem Frauen und Mädchen, die wirksamer vor sexueller Gewalt und Ausbeutung geschützt werden müssen. Auch Männer und Jungen müssen wirksamer vor Verschleppung und willkürlicher Inhaftierung bewahrt werden. Hier sind neben der internationalen Gemeinschaft besonders auch die Regierungen von Nigeria und der übrigen betroffenen Staaten gefordert.

Oxfam befragt Geflüchtete und Gastfamilien

Oxfam leistet in der Region seit über zwei Jahren verstärkte Nothilfe, vor allem durch die Versorgung mit Trinkwasser, Hygieneeinrichtungen und Nahrungsmitteln. Diese Aktivitäten sollen weiter ausgebaut werden; Oxfam hat darum von der Krise betroffene Menschen in Niger und in Nigeria – sowohl Geflüchtete als auch Gastfamilien – nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen gefragt. Die große Mehrheit der Befragten benötigt demnach vor allem besseren Zugang zu Nahrung und möchte so schnell wie möglich unabhängig von fremder Hilfe werden und selbst für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien sorgen können.

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Oxfam-Bericht „Lake Chad’s unseen Crisis – Voices of Refugees and internally displaced People from Niger and Nigeria“