„Wir mussten vor dem IS fliehen, unser Zuhause verlassen. Es lagen so viele Leichen in den Straßen.“ Wafaa (Name geändert), Mutter von sieben Kindern, sitzt auf dem Zimmerboden und erzählt. Sie erzählt von der Flucht ihrer Familie vor dem sogenannten Islamischen Staat, von der Flucht vor den Kämpfen. Es ist dunkel im Raum. Das kleine Haus, in dem sie gerade Zuflucht gefunden haben, steht in Kahlo Bazini in Kirkuk, im Norden des Irak. Ihr Bruder hat es für ihre und seine Familie – zusammen mehr als 15 Personen – gemietet. Drei Zimmer, die Ausstattung dürftig. Einige Wände sind noch nicht fertig. Anfangs gab es keine Möglichkeiten, sich zu waschen, keine Toilette, kein sauberes Wasser.

Seit der IS 2014 begann, weite Teile des Irak unter seine Kontrolle zu bringen, sind Wafaa und ihre Familie auf der Flucht. „Als wir das erste Mal fliehen mussten, kamen wir bei meiner Schwägerin in Al Eshaqi unter. Aber schon drei Tage später begannen auch dort die Kämpfe. Bomben fielen, Menschen starben auf offener Straße. Also suchten wir alle bei meiner Schwester Schutz. Wir lebten weit weg von den Gebieten, die der IS übernommen hatte. Aber auch hier konnten wir nicht lange bleiben: Nach 27 Tagen ging das Kämpfen los. Luftangriffe, Raketen, Bomben.“

Eine verlassene Schule als Unterschlupf

Wafaa und ihre Familie flohen erneut und fanden in einer leeren Schule Unterschlupf. Sie lag sehr abgelegen, fernab von allen Straßen. Gemeinsam mit einigen anderen Familien lebten sie dort isoliert, ohne Wasser und Strom, ohne eine Möglichkeit, sich zu waschen. Sie mussten das Wasser aus dem Fluss benutzen. Es war dreckig und verseucht, sie bekamen Infektionen und Allergien. Es war kein guter Ort zum Leben, aber Wafaa und ihre Familie waren einigermaßen in Sicherheit.

Bis zu dem Tag, an dem bewaffnete IS-Kämpfer kamen und um sich feuerten. Voller Angst flohen Wafaa und ihre Familie. „Wir verließen die Schule morgens um vier. Der IS hatte alle Brücken zerstört, es war ein kalter Winter. Wir hatten nicht genug Kleidung dabei. Es war eine schlimme Lage. Aber wir konnten fliehen.“ Um 12 Uhr mittags erreichten sie von der Armee kontrolliertes Gebiet.

Doch es gab andere Familien, Verwandte, die es nicht geschafft hatten, rechtzeitig aus der Schule zu kommen. Der IS kontrollierte das Areal bald vollständig, beschoss die Menschen, die versuchten zu fliehen. Hinzu kamen die Kämpfe zwischen der Armee und dem IS. Die Armee startete Luftangriffe, Bomben fielen.

Zwischen Bomben brachte die Schwester ihr Kind zur Welt

Besondere Sorgen machte sich Wafaa um ihre Schwester. Sie war hochschwanger. Wafaa erinnert sich, wie die Schwester ihre Mutter anrief: „Es war kalt und regnerisch. Sie erzählte, dass die Kämpfe um sie herum begonnen hatten. Und dass ihr Kind da war.“ Der Schwester ging es nicht gut: „Sie klagte über heftige Bauchschmerzen. Eine der anderen Frauen hatte ihr bei der Geburt geholfen, aber es gab keinen Arzt, keine Medizin, nichts zu essen. Kein Auto, das sie rausbringen konnte.“

Wafaa und ihre Brüder fuhren los, um die Schwester rauszuholen. Sie brauchte dringend medizinische Hilfe. Trotz der Belagerung durch den IS gelang es ihnen, zur Schwester durchzudringen. „Sie lag auf dem dreckigen Boden, ihr Bauch war geschwollen. Ich kann es gar nicht beschreiben. Und wir konnten nichts für sie tun, wir waren hilflos, machtlos. Es war so schwer, sie so zu sehen. Sie war meine Schwester.“ Wafaa und ihre Brüder schafften es noch, die Schwester aus der Schule zu holen. Kurz darauf stirbt sie. „So habe ich sie zuletzt gesehen. Es war schlimm. Wir haben unsere Schwester verloren. Und ihre kleinen Mädchen die Mutter.“

Sie wollen nur eines: nach Hause

Wafaa nimmt die Töchter ihrer Schwester bei sich auf. Gemeinsam leben sie nun in dem kleinen halb fertigen Haus in Kahlo Bazini in Kirkuk, das ihr Bruder gemietet hat. Eigentlich könnte Wafaa mit ihrer Familie in ihr ursprüngliches Zuhause zurückkehren. Das Gebiet ist schon lange vom IS befreit. „Aber die Armee lässt uns nicht“, erzählt Wafaa, während sie in dem dunklen Zimmer auf dem Boden sitzt. „Der IS hat Minen gelegt, Sprengfallen und Bomben sind in unseren Häusern, auf unseren Höfen.“

Es ist daher aktuell noch zu gefährlich für die Menschen, in ihre Häuser zurückzukehren. Zudem ist vieles zerstört. Aber für Wafaa ist klar: „Sobald der Checkpoint bei Balad wieder geöffnet ist, gehe ich mit meiner Familie zurück. Unser Zuhause war klein, aber es war schön. Wir waren dort glücklich. Bis der IS kam. Meine Kinder fragen mich, wann wir zurückkönnen. Sie vermissen ihr Zuhause. All die Menschen hier wollen einfach nur zurück. Nach Hause. Wir können nicht mehr.“

Wafaa lebt gemeinsam mit ihrer Familie und der ihres Bruders in einem kleinen, unfertigen Haus in Kahlo Bazini – drei Zimmer für mehr als 15 Personen.
Wafaa lebt gemeinsam mit ihrer Familie und der ihres Bruders in einem kleinen, unfertigen Haus in Kahlo Bazini – drei Zimmer für mehr als 15 Personen.

Oxfams Arbeit im Irak

Aktuell sind etwa 3,3 Millionen Menschen innerhalb des Irak auf der Flucht. Vielen geht es wie Wafaa: Sie können nicht in ihre Dörfer und Städte zurück – selbst wenn der IS dort nicht mehr ist. Und selbst wenn die Minen geräumt sind. Denn die Kämpfe haben Gebäude und Infrastruktur stark beschädigt, es fehlen Wasser- und Sanitäreinrichtungen, Transportwege sind zerstört.

Gemeinsam mit den Partnerorganisationen REACH und NIHR hilft Oxfam den Menschen im Irak, bald wieder in ihre Häuser zurückzukehren. In den Provinzen Kirkuk, Diyala und Salah Ad-Din unterstützen wir zurückkehrende Familien mit sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Zudem erhalten die Menschen durch Saatgut, Werkzeug und Nutzvieh die Möglichkeit, sich wieder eine Existenzgrundlage aufzubauen.

Familien wie die von Wafaa benötigen dringend unsere Unterstützung. Bitte spenden Sie für unsere Arbeit im Irak:

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