Was Lidl verspricht – und nicht hält

„Wir sind uns der Verantwortung für Mensch und Natur bewusst und setzen uns kontinuierlich dafür ein, die Bereiche Umwelt und Klimaschutz, Mitarbeiter, gesellschaftliches Engagement und Sortiment zu verbessern.“ Damit wirbt Lidl vollmundig auf seiner Website. Hört sich gut an. Aber: Hält das Unternehmen auch, was es verspricht? Unser Check – und Lidls Reaktion.
Lidl versteckt sich - hier hinter Bäumen
Lidls Logo versteckt hinter Bäumen. Auch ansonsten duckt sich Lidl gern mal weg.

Wahrheit oder leere Worte?

Lidl schmückt sich gern damit, dass seine Produkte nachhaltig und verantwortungsbewusst produziert werden. Noch ein schönes grünes Siegel drauf – fertig. Leider eine Mogelpackung, wie unsere im Mai 2016 veröffentlichte Studie „Süße Früchte, bittere Wahrheit“ zeigt: Lidls Bekenntnisse zu Verantwortung und Nachhaltigkeit sind nicht mehr als leere Worte.

Auf Zuliefer-Plantagen für Tropenfrüchte von Lidl herrschen menschenunwürdige Zustände. Beim Ananas-Anbau in Costa Rica und bei der Bananen-Produktion auf Plantagen in Ecuador haben wir massive Arbeitsrechtsverletzungen festgestellt und dokumentiert. Die Hauptprobleme auf Lidls Zuliefer-Plantagen waren:

  • Bezahlung unter Mindestlohn, keine Sozialversicherung
  • Verletzung von Gewerkschaftsrechten
  • Gesundheitsschäden durch Pestizide

Von uns mit dieser Realität auf den Plantagen konfrontiert, weist Lidl die Fakten zurück und wiegelt ab. Lidls Früchte seien durch Rainforest Alliance zertifiziert und damit nachhaltig produziert. Und Lidl selbst könne beispielsweise auf den Bananen-Plantagen ohnehin nichts machen – alleine schon gar nicht. Kurz: Lidl versucht, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Zeit, mal was klarzustellen

Nun denn. Zeit, ein paar Dinge klarzustellen – und zu zeigen, dass man sehr wohl etwas ändern kann. Wenn man nur will.

1. Keine Arbeitsrechtsverletzungen auf Lidls Zuliefer-Plantagen?

Zunächst dazu, dass die von uns festgestellten Missstände auf den Plantagen nicht zuträfen. Hier gibt es zum einen die von uns vor Ort und in vielen Gesprächen gesammelten und in unserer Studie dokumentierten Belege. Zum anderen räumte die Zertifizierungsorganisation Rainforest Alliance, mit deren Nachhaltigkeits-Siegel Lidl auf seinen Produkten wirbt, Ende Mai 2016 selbst Arbeitsrechtsverletzungen auf den Plantagen ein – zum Beispiel die Überschreitung der gesetzlichen Arbeitszeit von 60 Wochenstunden.

Lidl hätte sich sogar selbst von den Missständen überzeugen können: Mehrfach wurde Lidl zu einem Workshop mit Arbeiter/innen der Finca-Once-Plantage – einem Zulieferer in Costa Rica – eingeladen. Hier hätte sich Lidl selbst von der Wahrheit unserer Vorwürfe überzeugen können. Lidl lehnte ab. Schade.

2. Allein kann Lidl da gar nichts machen?

Immer wieder zieht sich Lidl auf die Position zurück, das Unternehmen könne allein ohnehin nichts an den Bedingungen auf den Bananen-Plantagen ändern. Oxfam solle daher bitte erstmal alle beteiligten Akteure und Handelsunternehmen zusammenbringen.

Moment mal … Lidl wirbt mit der Nachhaltigkeit seiner Produkte und schreibt von Verantwortung. Lidl verkauft gleichzeitig Früchte in seinen Läden, bei deren Produktion von Nachhaltigkeit und Verantwortung keine Rede sein kann. Sollte es da nicht im Interesse Lidls sein, die beteiligten Akteure zusammenzubringen und an den Bedingungen vor Ort etwas zu ändern? Dann würden Lidls Versprechungen von Verantwortung und Nachhaltigkeit auch zur Realität passen.

Doch auf die anderen müsste Lidl gar nicht warten. Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, ist mit fast 90 Milliarden Euro Umsatz der größte Einzelhändler Europas. Bei den Discountern ist Lidl weltweit Spitzenreiter. Damit ist Lidl einer der größten Abnehmer tropischer Früchte. Wer, wenn nicht ein solcher Handelsriese, kann also etwas bewirken? Durch seine Spitzenposition könnte Lidl mit gutem Beispiel vorangehen und als Vorreiter notwendige Standards etablieren.

3. Lidl hat keine Kontroll- und Einflussmöglichkeiten?

Lidl dagegen behauptet, keine Kontroll- und Einflussmöglichkeiten auf den Plantagen zu haben. Kann das sein? Nein. Denn dass Dinge geändert werden können, dass es sich lohnt, Missstände aufzudecken, sie anzuprangern und Verbesserung zu fordern, machen folgende Beispiele deutlich.

Nach der Veröffentlichung unserer Studie hat sich die Situation für die Beschäftigten auf der Plantage Finca Once in Costa Rica deutlich verbessert: Waren die meisten der Arbeiter/innen zuvor unter schlechten Bedingungen bei Subunternehmen angestellt, haben 75 Prozent von ihnen nun einen direkten Vertrag mit Finca Once, erhalten Mindestlohn und sind endlich sozialversichert.

Auch die Beschäftigten bei Lidls Bananenlieferanten Matías in Ecuador berichteten uns von Verbesserungen nach der Veröffentlichung unserer Studie: Endlich haben sie Arbeitskleidung erhalten. Und auch das Spritzen giftiger Pestizide per Flugzeug, während die Arbeiter/innen in der Plantage sind, wurde ausgesetzt.

Kann der Bericht einer NGO mehr an den Bedingungen auf den Plantagen ändern, als das ein Supermarktgigant wie Lidl, ein großer, direkter Abnehmer kann? Wohl kaum. Lidl sollte aufhören, sich wegzuducken, sich stattdessen seiner Verantwortung stellen und: handeln!

4. Lidls Bananen und Ananas sind von Rainforest Alliance zertifiziert und also fraglos nachhaltig produziert?

Lidl wirbt mit dem Siegel von Rainforest Alliance auf seinen Früchten und tut so, als wäre allein dadurch eine nachhaltige Produktion gewährleistet – weitere Überprüfung überflüssig. Unsere Studie hat jedoch aufgedeckt: Die Arbeitsbedingungen auf von Rainforest Alliance zertifizierten Bananen-Plantagen waren nicht besser als auf den nicht zertifizierten. Arbeiter/innen wurden Pestiziden ohne ausreichenden Schutz ausgesetzt, und die Löhne auf Ananasplantagen wurden erst nach Oxfams Studie auf Mindestlohn-Niveau gehoben. Die Zertifizierung ist kein Garant für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards.

Rainforest Alliance hat seinerseits auf die Oxfam-Studie reagiert und zahlreichen untersuchten Plantagen das Siegel entzogen. Zudem hat die Organisation sich erstmals in ihrer Geschichte mit lokalen Gewerkschaften getroffen und eingeräumt, dass ihr Umgang mit dem Thema Gewerkschaftsfreiheit große Defizite aufweist. Im März 2017 wurde das lokale Zertifizierungsunternehmen in Ecuador wegen der „Nichterfüllung der Qualitätsanforderungen in den Auditprozessen“ vorläufig suspendiert – ebenfalls eine Bestätigung für eklatante Lücken im Zertifizierungssystem..

Lidl wirbt massiv mit dem Rainforest-Alliance-Siegel und sollte deshalb sicherstellen, dass das Siegel auch hält, was es verspricht. Sonst führt Lidl seine Kund/innen mit dem Versprechen auf nachhaltige Früchte an der Nase herum – und akzeptiert stillschweigend schlechte Arbeitsbedingungen auf seinen Zuliefer-Plantagen.

Zeit zu handeln

Es ist also nicht weit her mit Lidls Bekundungen zu Verantwortung und Nachhaltigkeit. Dass Lidl sich bei einer Konfrontation mit den Zuständen auf seinen Zuliefer-Plantagen in Costa Rica und Ecuador einfach wegduckt und in Ausreden flüchtet, ist inakzeptabel. Es ist Zeit zu handeln: Die Verantwortlichen bei Lidl müssen endlich halten, was sie versprechen!

Unterstützen Sie uns: Fluten wir gemeinsam Lidl mit Fragen – damit Lidl endlich reagiert:

Lidl fragen

Länder und Regionen

Arbeiter auf einer der Ananasplantagen

Costa Rica

Der Anbau tropischer Früchte ist in Costa Rica mit hohen sozialen und ökologischen Kosten verbunden: Arbeiter/innen müssen in vielen Teilen des Landes um ihr tägliches Überleben kämpfen.

Bananenproduktion in Ecuador

Ecuador

Ecuador ist einer der führenden Bananenproduzenten und größter Lieferant für den deutschen Markt. Der Anbau fordert dramatische soziale und ökologische Kosten.

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Supermärkte

Oxfam setzt sich für menschenwürdige Arbeits- und faire Einkaufsbedingungen in der Lieferkette von Supermarktketten ein.

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