Wohl kaum ein anderes Phänomen hat im öffentlichen ökonomischen Diskurs im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts eine derart veränderte Bewertung erfahren wie die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen. Noch zur Jahrhundertwende wurde von den meisten Ökonomen, auch in Deutschland, eine vermeintlich zu große Egalität von Löhnen, Einkommen und Vermögen als ausgesprochen schädlich für die gesamtwirtschaftliche Dynamik angesehen. Höhere Ungleichheit würde hingegen die Anreize, sich ökonomisch anzustrengen, steigern und die ökonomische Dynamik erhöhen, wovon letztlich auch die unteren Einkommensgruppen durch einen höheren Wohlstand profitieren würden.

Die schöne heile Welt der Ungleichheit existiert nicht

Seit gut 10 Jahren hat sich diese Einschätzung grundlegend verändert. Ein Grund ist, dass in Deutschland seit Ende der neunziger Jahre und z.B. in den USA schon früher die Ungleichheit nach allen Kriterien markant zugenommen hat. Dies ist das große Bild, das auch durch das von wenigen Ökonomen immer wieder hervorgehobene Detail, dass sich die Schere in den vergangenen 10 Jahren nach einigen Kriterien nicht weiter geöffnet hat, nicht verändert wird. Bedenkt man, dass sowohl die in diesen Zeitraum fallende Krise auf den Finanzmärkten, die primär die Vermögen der Wohlhabenden traf, als auch ein nachfolgender Aufschwung mit durchaus kräftigem Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen waren, der die mittleren und unteren Einkommen im Vergleich zu den oberen hätte merklich steigen lassen sollen, ist dieses Verharren eher ein Alarmsignal denn ein Grund zur Beruhigung.

Höhere Ungleichheit trägt den Keim einer sozialen Erstarrung in sich.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, der mindestens ebenso wichtig ist. Wenn die Thesen der Befürworter ausgeprägter Ungleichheit stimmen würden, hätte das vergangene Jahrzehnt ein einziger Boom mit dauersprudelnden Investitionen und kräftigem Einkommenszuwächsen auch für die Unter- und Mittelschichten sein müssen. Nichts davon ist eingetreten. Im Gegenteil, das Wachstum war im historischen Vergleich unauffällig und lange Zeit krisenanfällig. Die Investitionen konnten sogar mit der Dynamik früherer Aufschwünge nicht mithalten und die Kaufkraft mittlerer und unterer Einkommen hat bestenfalls stagniert. Mit anderen Worten, die schöne heile Welt der Ungleichheit existiert nicht.

Noch beunruhigender ist, dass die sich verfestigende Ungleichheit mit einer verringerten Einkommensmobilität einhergeht. Das heißt, wer in einer unteren Einkommensschicht ist, bleibt heute mit höherer Wahrscheinlichkeit dort als noch vor 20 Jahren. Es ist eben nicht so, dass in einem sozialen Umfeld höherer Ungleichheit die Anstrengungen des Einzelnen durch erhöhte Aufstiegschancen stärker belohnt werden. Höhere Ungleichheit trägt vielmehr den Keim einer sozialen Erstarrung in sich.

Wirkt der demokratische Prozess noch als Korrektiv?

Dies hat Gründe jenseits des Ökonomischen. Untersuchungen zeigen, dass der demokratische Prozess, der ja aufgrund der Gleichheit der Stimmenmacht eigentlich ein Korrektiv gegenüber einer zur Ungleichheit neigenden Ökonomie dienen könnte, dies im vergangenen Jahrzehnt nicht mehr war. Vielmehr setzten sich im Konflikt eher die Vorstellungen durch, die von den oberen Einkommensschichten geteilt wurden, und ihnen auch z.B. in der Steuerpolitik genutzt haben. Die erhöhte Ungleichheit ist also auch machtpolitisch begründet.

All dies zeigt: Es bedarf eines kritischen öffentlichen Diskurses über Ursachen und Folgen erhöhter Ungleichheit. Im Lichte der veränderten Erkenntnisse über die ökonomischen und sozialen Schäden, die Ungleichheit anrichtet, gilt es nunmehr, eine Verständigung in unserer Gesellschaft darüber herbeizuführen, mit welchen konkreten Maßnahmen sie auf ökonomisch sinnvolle Weise am besten verringert kann.

Prof. Dr. Gustav A. Horn ist Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

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